Nachhaltiges Filmen ohne Verzicht

Mit Muskelkraft wird das nachhaltige Drehen am Set von «Der Wert der Dinge» überhaupt möglich gemacht. Foto: Simon Denzler

Eine Schweizer «Tatort»-Episode produziert rund 38 Tonnen CO2. Das ist mehr als acht Schweizer:innen jährlich in die Atmosphäre ablassen. Junge Filmemacher:innen wie Leon Schwitter und Tobias Luchsinger sensibilisieren durch ökologische Produktionen und stellen den Status quo infrage.

VON BIANCA BAUER

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Weshalb trennen wir zu Hause den Müll und trinken aus Gläsern, während wir auf dem Filmset den gesamten Müll – inklusive Plastikbechern – wegwerfen? Weshalb benutzen wir privat den ÖV und das Velo, während wir uns auf dem Dreh rumchauffieren lassen? Und nicht zuletzt: Legitimiert die Kunst jegliche Art von Umgang mit Ressourcen? Solche Fragen zur Sensibilisierung für ethische und ökologische Verantwortung stellen sich Filmemacher:innen an der ZHdK. Und sie werden auch gleich aktiv.

Leon Schwitter hat 2021 den Bachelor in Film abgeschlossen und seinen Abschlussfilm dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet. «So weit so gut» ist die zugespitzte Beobachtung eines Hitzetags in der Schweiz. Verschiedene Einstellungen zeigen, wie Schweizer:innen mit dem Klimawandel konfrontiert werden. Der Film verarbeitet sowohl inhaltlich wie auch produktionell das Thema Nachhaltigkeit. Diese bewusste Form des Filmemachens wird Green Shooting genannt und arbeitet mit ressourcenschonenden Methoden als festen Bestandteilen eines Drehs.

Umdenken beginnt mit der Analyse

Leon Schwitter und sein Team haben den Produktionsprozess in Einzelschritte heruntergebrochen und sich laufend gefragt: «Wie können wir Emissionen reduzieren?» Dabei haben sie sich unter anderem für die Reduktion fossiler Brennstoffe entschieden, was Einfluss auf die Wahl der Drehorte hatte. Da Lastenvelos über grössere Distanzen nicht eingesetzt werden konnten, transportierte der ÖV Team und Material von A nach B. Flexibilität und Kreativität waren gefragt, ursprüngliche Ideen veränderten sich ohne Qualitätsverlust zugunsten der Nachhaltigkeit. «Nachhaltigkeit wird oft mit Verzicht assoziiert. Für uns geht es aber vielmehr um die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Thema und die daraus entstehenden Möglichkeiten.» Bei der Produktion von «So weit so gut» wurde unökologisches Catering durch Essen ersetzt, das in lokalen Restaurants und Geschäften nicht verkauft worden war. Dieses kam am Folgetag auf dem Set auf den Tisch und hat allen geschmeckt, Foodwaste war so kein Thema. Der Tagesrhythmus bestimmte den Dreh, Ressourcen wie Tageslicht oder vorhandene Ausstattung wurden genutzt und das Filmmaterial aufs Notwendige reduziert.

Kräftig in die Pedale treten

Verantwortung hat auch Tobias Luchsinger übernommen. Er studiert im letzten Semester Film im Praxisfeld Realisation Dokumentarfilm und schliesst 2022 seinen Master ab. Im klimaneutral produzierten Dokumentarfilm «Der Wert der Dinge» porträtiert er drei Zürcher:innen, die in der Bau-, Lebensmittel- und Textilindustrie neue, nachhaltige Alternativen schaffen. Die Produktion wird von einer Kamerafrau begleitet, welche die Entstehung filmisch festhält. Ihre Aufnahmen sind Teil des Films und ermöglichen es dem Publikum, in die Welt des nachhaltigen Filmens einzutauchen. Den Strom am Set haben die Filmemacher:innen mit Muskelkraft und Solarenergie gleich selbst produziert. «Ist der Strom aufgebraucht, gibt es eine Zwangspause, bis die Batterien wieder aufgeladen sind», so Luchsinger. «Ein Abenteuer für die ganze Crew, das im Film den dramaturgischen Spannungsbogen bilden wird.» Die Erfahrung, selbst in die Pedalen zu treten, hat ihnen aufgezeigt, wie viel Kraft und Zeit nötig ist, um Energie zu erzeugen. Leon Schwitter und Tobias Luchsinger sind sich einig: «Nachhaltiges Agieren bereut man nicht. Der Mehrwert für Film und Umwelt überwiegt.»

Neue Wege? Ein Muss!

Sabine Boss, Studienleiterin Film, ergänzt: «Grössere Produktionen wie der Schweizer ‹Tatort› können den Strom nicht selbst produzieren. Aber sie können Entscheidungen treffen, welche die CO2-Emissionen reduzieren.» Synergien können auf allen Ebenen geschaffen werden. Ob Strom, Catering, Transport, Material, Technik oder Ausstattung: Es gibt in vielen Bereichen bereits ökologischere Alternativen wie Elektrofahrzeuge oder LED-Licht. Erste Schritte sind die bewusste Auseinandersetzung mit dem Thema und die Bereitschaft der Beteiligten, neue Wege zu gehen. Für Sabine Boss ist klar: «Es gibt keinen Freipass für die Kunst. Damit die Klimaziele erreicht werden, müssen alle an einem Strang ziehen.»

Bianca Bauer (bianca.bauer@zhdk.ch) ist Kommunikationsverantwortliche des Departements Darstellende Künste und Film, kauft gerne Secondhand ein, liebt das Carsharing-Konzept und die «Too Good To Go»-App.
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