8 x Stille

Stille wird in Kunst, Design und Vermittlung vielfältig eingesetzt. So auch in Anna Iphigenia Siradakis’ Art-Education-Diplomprojekt. Sätze, die sprachlos machen, harren auf Porzellan gebannt ihrer lustvollen Zerstörung. Foto: Robert Aebli.

Welche Rolle spielt Stille an einer Kunsthochschule? Was löst Stille im Tanz, im Design oder in der Musik aus? Acht Personen aus ebenso vielen Disziplinen der ZHdK brechen die Stille und erklären, was sie mit ihr assoziieren. Pst! Es wird eindringlich, kraftvoll, laut.

VON GIANNA BÄRTSCH

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FILM

«Ich liebe dieses Knistern im Kino, wenn eine Filmfigur Atem holt, um zu sprechen … und dann doch schweigt. Es sind unzählige Geräusche, die man in der Tongestaltung ausblendet, um nur noch diejenigen hörbar zu machen, die einen Menschen emotional bewegen oder zum Handeln anregen können. Das selektive Hören, das man auch ‹Cocktailparty-Effekt› nennt, ist eine von vielen psychoakusti­schen Möglichkeiten, um in die Innenwelt der Schauspieler:innen einzutauchen. Und es ist diese Kraft der Auslassung, die für mich zur Magie des Kinos gehört.»
Maurizius Staerkle Drux, Filmtondozent

 

THEATER

«Für mich ist Stille sehr widersprüchlich. Ich kann Hilfestellungen geben, die in Richtung loslassen und weiteratmen gehen. Oder ich erinnere daran, den Kontakt zu halten, auf die Reaktion des anderen zu warten, den Raum zu spüren, sich zu spüren. Ich weiss, wie verletzlich mensch sich in der Stille macht und wie stark es sich anfühlen kann, sie auszukosten. Die Stille ist musikalisch, da sie den Textrhythmus massgeblich mitbestimmt und diese Bestimmung erfolgt über die Sprechenden in Verbindung mit allen Teilnehmenden. Es ist eine Komposition, die nur auf der Bühne, im Veräussern und in der Verbindung stattfinden kann. Damit gehört sie zum Theater wie das Wasser ins Aquarium.»
Julia Stanoeva, Sprechdozentin

 

MUSIK

«John Cage schreibt 1972 zu seinem legendären ‹stummen› Stück ‚‹4’33”› von 1953: ‹Es handelt sich um den Versuch, unser Bewusstsein um Möglichkeiten zu erweitern, die anders sind als die, die wir bereits kennen, und die, von denen wir bereits wissen, dass wir gut mit ihnen zurechtkommen. Es muss etwas getan werden, um uns und unser Gedächtnis von unseren Vorlieben zu befreien.› Cage war der Ansicht, dass wir im musikalischen Bereich eine sehr lange Aufführung dieses Stückes brauchen würden.

György Ligeti hielt 1964 einen Vortrag zur Zukunft der Neuen Musik, indem er schwieg.

Musik misst sich an der Stille.»
Felix Baumann, Leiter Komposition und Musiktheorie

 

ART EDUCATION

«Wie wird Stille kuratorisch wirksam? Eine Antwort auf diese Frage findet sich im Jüdischen Museum Berlin. Tausende Gesichter mit aufgerissenen Mündern, aus runden Eisenplatten geschweisst, bedecken den Boden. Die Besuchenden können die Arbeit betreten. Der wacklige Untergrund erzeugt ein Unbehagen und das Klirren der Platten bricht die Stille. Diese Arbeit von Menashe Kadishman wirft die Frage auf, wie wir die Shoa als geteilte Erfahrung vermitteln können. Sie lässt mich verstummen und aufschreien zugleich.»
Bruno Heller, Assistent Master Art Education, Curatorial Studies

 

TANZ

«Logocentrism is not a dance.

Die Körper pulsieren. Die Körper schwitzen. Die Körper vibrieren.
Die Körper erregen. Die Körper schwingen. Die Körper fliessen.
Die Körper oszillieren.

Energie.

Schwärmerei. Entzückung. Glückseligkeit.
Wonne. Rausch. Hingabe.

Resonanz.

Die Körper sprechen.
Body Talk.

In Stille.»
Friederike Lampert, Professorin, und Jochen Roller, Lehrbeauftragter, Bachelor und Master Dance

 

FINE ARTS

«700 Stunden Stille: Im Jahr 2010 inszenierte Marina Abramović im New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) eine Performance mit dem Titel ‹The Artist Is Present›. Schweigend sass die Künstlerin an einem Holztisch einem leeren Stuhl gegenüber und wartete darauf, dass sich die Besuchenden abwechselnd auf den Stuhl setzten und ihr in die Augen sahen. Über einen Zeitraum von fast drei Monaten, acht Stunden am Tag, begegnete sie den stummen Blicken von 1675 Fremden. Der Kontakt dauerte jeweils so lange, bis die Teilnehmenden sich entschieden, aufzustehen und aus der Situation auszusteigen. Obwohl sich die Kommunikation auf die minimalen Regungen im Gesicht der Beteiligten beschränkte, riefen die individuellen Erlebnisse bei den Museumsbesuchenden mitunter starke emotionale Reaktionen hervor. Die Künstlerin selbst beschreibt die Performance als eine der schwierigsten, die sie je gemacht habe.»
Swetlana Heger, Direktorin Departement Fine Arts

 

DESIGN

«Oft werden weisse Seiten, scheinbar ungenutzte Flächen oder Weissräume als Stille interpretiert. Doch in der visuellen Kommunikation wird Weissraum ganz bewusst eingesetzt. Abhängig von kulturellen Hintergründen und Lehren zu Leere, Reduktion, Void, Emptiness oder eben Weissraum, handelt es sich dabei keinesfalls um Stille. Sondern stets um Haltungen, die den damit assoziierten Raum artikulieren. Anders gesagt: ‹Mit Weissraum in der visuellen Kommunikation verhält es sich wie mit Räumen beim Fussball – nur wer diese eng hält, gewinnt!› »
Jonas Voegeli, Leiter Vertiefung Visual Communication im Bachelor Design

 

TRANSDISZIPLINARITÄT

«Die Stille, das andere Geräusch

Das Geräusch der Erwartung.
Die Stille im Loslassen. Die Stille im Eintauchen.

Die Erwartung der Gemeinsamkeit.
Die Stille im Abweichen. Die Stille im Überwinden.

Die Gemeinsamkeit des Vertrauens.
Die Stille im Nichtverstehen. Die Stille im Annähern.

Das Vertrauen des Dialogs.
Die Stille im Wahrnehmen. Die Stille im Ausweiten.

Die Stille im Schmerz. Die Stille im Vergessen.

Die Artikulation geteilter Stille.

Stille ist ein wichtiges Element im Dialog zwischen den Disziplinen. Aktuell zum Beispiel in künstlerischen Projekten zu chronischem Schmerz und Demenzerkrankungen mit Institutionen aus Medizin, Grundlagenforschung und Ethik.»
Irène Hediger, Leiterin artists-in-labs-Programm

Gianna Bärtsch (gianna.baertsch@zhdk.ch) ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation der ZHdK.
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