Filmallmende

Eine Auswahl von neun der insgesamt 16 verwendeten Kameras: Die älteste Kamera stammt aus den 1920er-Jahren, die neueste aus 2019. Alle Filmstills wurden mit den jeweiligen Kameras fotografiert. Fotos: Florian Dombois, Christoph Oeschger.

Allmende sind eine Form gemeinschaftlichen Eigentums. Was passiert, wenn Künstler:innen mit demselben Ausgangsmaterial arbeiten? Florian Dombois und Christoph Oeschger leiten ein Forschungsprojekt, in dem sie ihre Film- und Videoaufnahmen aus dem ZHdK-eigenen Windtunnel anderen zur Verfügung stellen und damit dem Forschungsbegriff des «Sharing and Challenging» zu arbeiten.

VON FLORIAN DOMBOIS UND CHRISTOPH OESCHGER

___

Am Ende naturwissenschaftlicher Aufsätze findet man häufig den Satz: «Further research is needed», hier braucht es weitere Forschung. Das, was gewichtig, was hieb- und stichfest auf den Seiten vorher erklärt wurde, sei selbst noch nicht am Ende. Man möchte weitermachen, oder andere mögen übernehmen. Und der Aufsatz biete die Grundlage für solch ein Weitermachen durch andere Wissenschaftler:innen.

Diese Bewegung des Übergebens und Weitermachens ist für die Forschung in den Künsten interessant, ja vielleicht viel inte­ressanter als das Postulat der Wissensproduktion, um das sonst so gerne gestritten wird. Sollten wir also die Forschung auch in den Künsten nicht besser als eine soziale Konstruktion sehen, als einen Raum des Sharing und Challenging zwischen Fachleuten, die sich gegenseitig Gelegenheiten bieten anzuschliessen?

DAS FILMEN EINES EXPERIMENTSMIT DEM WIND …

Mit dem Projekt «Allmende der Forschungsfilme» überführen wir unsere Arbeiten aus dem aktuellen transdisziplinären, vom Schwei­zerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Projekt «Luftbilder/Lichtbilder» in solch eine künstlerische Übergabelogik. In den letzten drei Jahren haben wir im Windtunnel, unserer Formfindungs- und Metaphernmaschine auf dem Dach des Toni-Areals, ein von uns entwickeltes Standardexperiment (Spiegelkugel im Rauch) mit wechselnden historischen Kameras gefilmt. Die Auswahl der Kame­ras richtete sich nach dem, was die beiden Wissenschaftshistoriker:innen aus unserem Projekt in den Archiven fanden: von frühen 35-mm-Handkurbelkameras wie der Debrie Parvo L aus den 1920ern und 1930ern bis hin zu Videokameras von Panasonic oder Hitachi C aus den 1980ern. Immer wieder die gleichen Einstellungen, aber wechselnde Kameras, Linsen, Aufnahmemedien.

… WÄCHST ZU EINEM FUNDUS VON HALBFABRIKATEN

Dieses Konvolut von Filmaufnahmen – nennen wir sie Halbfabrikate – bildet für uns den Grundstock zum Weiterarbeiten. Aus den Filmaufnahmen haben wir beide eigene Mehrkanal-Video-Installationen entwickelt, aber «further research is needed». Was machen andere Künstler:innen aus demselben Material? Was sehen sie in den Bildern und wie kontextualisieren sie diese innerhalb anderer Aufnahmen? Wie treten unsere Arbeiten in gegenseitige Resonanz? Wir gaben uns fünf Regeln für das Zusammenspiel:

  1. Jedes Mitglied des Projekts erhält die Forschungsfilme aus dem Windtunnel und erstellt einen Film beliebiger Länge unter Verwendung des gestellten Materials.
  2. Es kann eigenes Material dazugeschnitten werden. Dieses wird dann in die Allmende eingebracht und für alle anderen Mitglieder freigegeben.
  3. Bei der Verwendung von Material von anderen werden die Credits offengelegt und es wird auf die Autor:innen verwiesen.
  4. Alle Filme können von allen Mitgliedern gegenseitig unentgeltlich, zeitlich unbeschränkt gezeigt und aufgeführt werden.
  5. Die Arbeiten müssen auf Vimeo abspielbar sein.

Im Februar gingen die ersten sechs Filme von Mika Elo, Christof Nüssli, Christoph Oeschger, Luise Schröder, U5 und Irene Vögeli online. Weitere Filme sind in Produktion und werden ab Herbst 2021 in unserem virtuellen Galerieraum gezeigt. So entsteht eine Com­munity of Practice, ein Forschungsverbund, der sich nicht über ein Thema konstituiert, sondern über das Material, aus dem die Träume sind.

www.filmallmende.net

FLORIAN DOMBOIS ist Leiter des For­schungsschwerpunkts Transdisziplinarität an der ZHdK, in dem der vielleicht leiseste Windkanal der Welt zum Nachdenken anregt.
CHRISTOPH OESCHGER Christoph Oeschger (christoph.oeschger@zhdk.ch), Christoph Oeschger (christoph.oeschger@zhdk.ch) ist Künstler und Fotograf und promoviert zum Thema „How to Take a Picture of Wind“.
Teile diesen Beitrag: