Ist der kulturelle Sektor systemrelevant?

Im Toni-Areal angesiedelt: das Zurich Centre for Creative Economies, ein Kompetenzzentrum für die Kreativwirtschaft. Foto: Umberto Romito und Ivan Suta © ZHdK

Keine Konzerte, keine Theateraufführungen, keine Museumsbesuche: Keine Frage, das kulturelle Leben war 2020 direkt und drastisch vom Coronavirus betroffen. Das Zurich Centre for Creative Economies (ZCCE) der ZHdK beschäftigt sich seit Beginn der Pandemie mit den möglichen Auswirkungen der Krise auf die Arbeitsmärkte im kulturellen Sektor.

VON LEA DAHINDEN

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Frühling 2020: geschlossene Cafés, leere Strassen, keine Menschenaufläufe. Eine ungewohnte Situation. Eine, die vier Forscher des ZCCE dazu bewegt, Fragen zu stellen. Gibt es Trends, die sich für die gesamten Creative Economies abzeichnen? Und wenn ja, was heisst das für die Erwerbstätigenzahlen? Zu einem Zeitpunkt, in dem das Ausmass der Corona-Krise noch nicht abzuschätzen war, lancierte das ZCCE die Research Notes «Sleeping Beauty»  – und legte damit schweizweit die aktuellsten Analysen vor.

«Wir sind überzeugt, dass Kulturschaffende in Zeiten der Pandemie kein Problemfaktor, sondern Teil der Lösung sind.»
Frédéric Martel, Professor für Creative Economies

In der ersten Research Note stellen Frédéric Martel, Roman Page, Christoph Weckerle und Simon Grand einen historischen Vergleich zur Grossen Depression in Amerika an, um im zweiten Teil der Studie mit qualitativen Interviews erste Perspektiven aus der Gegenwart aufzuzeigen. «Während unserer Feldforschung, die ausnahmsweise via Zoom stattfand, haben wir Kulturschaffende von Zürich bis New York zu ihrer Situation, den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf ihre Arbeit und zu ihrem Umgang mit der Krise befragt», so Frédéric Martel, Professor für Creative Economies. «Wir sind überzeugt, dass Kulturschaffende in Zeiten der Pandemie kein Problemfaktor, sondern Teil der Lösung sind.» Im dritten Paper stehen aktuelle Statistiken zur Kreativwirtschaft der Schweiz im Zentrum. Und schliesslich fragt die vierte Research Note nach strukturellen Veränderungen: Welche Antworten haben die Creative Economies auf die Herausforderungen der Krise?

Blick auf den Arbeitsmarkt

Bereits seit 2003 analysieren die Forschenden des ZCCE statistische Daten, um die Dimensionen der Creative Economies sichtbar zu machen. Ihre Methoden setzen sie nun dazu ein, allfällige Auswirkungen der Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt zu messen. Fragen wie: «Werden angesichts der Pandemie die gesamten Creative Economies von einem Negativtrend erfasst?», werden dabei beleuchtet, lassen sich aber nicht so einfach beantworten. Das ZCCE stellt auf seiner Website unter Creative Economies Data  seine jeweils neuesten statistischen Analysen zur Verfügung.

 Diese Grafik zeigt alle Erwerbstätigen in der Kreativwirtschaft nach Subsektoren in der Schweiz im zeitlichen Verlauf von 2015 bis 2020. Quelle: BFS, SAKE, eigene Berechnungen ZCCE, ZHdK

Diese Grafik zeigt alle Erwerbstätigen in der Kreativwirtschaft nach Subsektoren in der Schweiz im zeitlichen Verlauf von 2015 bis 2020. Quelle: BFS, SAKE, eigene Berechnungen ZCCE, ZHdK

In der Schweiz waren im zweiten Quartal 2020, das von einschneidenden Corona-Massnahmen geprägt war, insgesamt 534’000 Personen in den Creative Economies erwerbstätig, das sind 5 Prozent weniger als im zweiten Quartal 2019. Personen mit Kurzarbeit gelten dabei als Erwerbstätige. Demgegenüber ist im Vergleich zum Vorjahresquartal die Zahl der Erwerbstätigen in der Gesamtwirtschaft um 1,8 Prozent gesunken. Anders sah es im dritten Quartal 2020 aus: Insgesamt 566’000 Personen waren in den Creative Economies erwerbstätig, das sind 0,5 Prozent mehr als im dritten Quartal 2019. Demgegenüber ist im Vergleich zum Vorjahresquartal die Zahl der Erwerbstätigen in der Gesamtwirtschaft um 0,1 Prozent gesunken. «Die Auswirkungen der Pandemie auf den Arbeitsmarkt der Creative Economies werden in den Statistiken wohl erst 2021 sichtbar», so Roman Page, Data Analyst und Forscher am ZCCE.

In den Creative Economies ist der Anteil der Selbstständigerwerbenden höher als in der Gesamtwirtschaft. In einzelnen Bereichen des kulturellen Sektors wie «Music, Performing and Visual Arts» oder «Design» ist der Anteil besonders hoch. Weitere Analysen des ZCCE werden aufzeigen, welches Anstellungsverhältnis in den Creative Economies am krisenresistentesten ist: Ist es die Festanstellung im grossen Kulturbetrieb oder zählt die Flexibilität der Selbstständigkeit hier mehr?

Diese Grafik zeigt alle Erwerbstätigen in der Gesamtwirtschaft im Vergleich mit der Kreativwirtschaft nach Bereichen und Vertragsform in der Schweiz im zeitlichen Verlauf von 2015 bis 2020. Die Schattierung stellt die statistische Unsicherheit (Vertrauensintervall) dar. Quelle: BFS, SAKE, eigene Berechnungen ZCCE, ZHdK

Diese Grafik zeigt alle Erwerbstätigen in der Gesamtwirtschaft im Vergleich mit der Kreativwirtschaft nach Bereichen und Vertragsform in der Schweiz im zeitlichen Verlauf von 2015 bis 2020. Die Schattierung stellt die statistische Unsicherheit (Vertrauensintervall) dar. Quelle: BFS, SAKE, eigene Berechnungen ZCCE, ZHdK

Kultureller Sektor als Labor für Gesamtwirtschaft

Die Datenlage lässt noch keine längerfristigen Schlüsse aus der Corona-Krise zu. Anders sieht es dagegen in Bezug auf die inhaltlichen und strukturellen Charakteristika des kulturellen Sektors aus. Auffallend ist ein Spannungsfeld, das die Positionierung der Creative Economies betrifft. «Die politischen Einschätzungen zur Pandemie haben uns gelehrt, dass der kulturelle Sektor nicht systemrelevant ist», so Christoph Weckerle. «Gerade die Creative Economies könnten aber Grundlegendes dazu beitragen, mit Unsicherheiten umzugehen und neue Wege aufzuzeigen.» In der Krise werden entlang der Kreations- und Realisierungsprozesse sowie der Wertschöpfungs- und Distributionskette plötzlich überraschende Dinge denkbar, diskutierbar und machbar. Ein Beispiel dafür sind sogenannte «In-Game Concerts», die auf Plattformen von Videospielen stattfinden und ein Millionenpublikum anziehen. Experimente und Entwicklungen der Creative Economies können aber auch wesentliche Inspirationen und Chancen aufzeigen, die in der Folge für andere Bereiche der Wirtschaft an Bedeutung gewinnen.

«Gerade dank ihres spezifischen Umgangs mit Unsicherheit könnten die Creative Economies neue Ansätze zur Bewältigung der Herausforderungen von Corona aufzeigen.»
Christoph Weckerle, Leiter Zurich Center for Creative Economies

Daran anknüpfend stellen sich Fragen wie: Was gewinnt die Schweiz, wenn sie den kulturellen Sektor als systemrelevant erachtet? Inwieweit sind entsprechende Infrastrukturen aus Sicht der Gesellschaft als kritisch einzustufen? Und wie kann eine politische Repräsentation der heterogenen Anliegen und Interessen der Creative Economies etabliert werden? So schliesst die Studie «Sleeping Beauty», die über die Schweiz hinaus diskutiert wurde, an eine Erkenntnis an, die das Forschungsteam schon länger beschäftigt: Statt primär auf die Kompensation für prekäre Verhältnisse zu fokussieren, wird es wesentlich sein, auch die Bedeutung der Creative Economies für die Zukunftsfähigkeit der Schweiz zu erkennen.

Als internationales Forschungs- und Kompetenzzentrum beschäftigt sich das Zurich Centre for Creative Economies (ZCCE) in Forschung, Lehre, Förderung und Beratung in und mit den Creative Economies.
www.zhdk.ch/zcce
Lea Dahinden (lea.dahinden@zhkd.ch) ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation der ZHdK.
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