Das Leonardo-Prinzip

Drei von sieben: «Curiosita/Neugier», «Sensazione/Sinnesschärfung» und «Dimostrazione/ Skepsis». Eine performative Selbstdarstellung von Chantal Hoefs (Perform your project «Hunde und Kartoffeln», 2019). Fotos: Chantal Hoefs

Paolo Bianchi, was ist das Leonardo-Prinzip?

Leonardo war kein Universalgelehrter, sondern ein Universallernender. Er betrachtete sich als Schüler und wurde Lehrer seiner selbst, indem er sein eigenes Lehrmaterial produzierte. Ihm ist gelungen, wonach wir alle streben: Er ist über sich selbst hinausgewachsen. Die heute geläufigen Adjektive des Fortschrittlichen – innovativ, ökologisch, kreativ – bündeln sich in diesem Renaissancemenschen. Fünfhundert Jahre später kann Leonardo uns noch immer ein leuchtendes Vorbild sein: Es geht um Ideen, welche die Welt verändern – um Thinking outside the Box.

Im Kontext der Kreativitätsforschung und Laufbahnberatung vermittelt Michael Gelbs «Das Leonardo-Prinzip» (1998) sieben Kompetenzen des Universalgenies. Ihre Anwendung ermöglicht dem postmodernen Menschen, sein kreatives Potenzial zu aktivieren. Die «Curiosità» steht für unstillbare Neugier: Wer staunt, widersetzt sich der Vergeudung des Lebens. Die «Dimostrazione» bezeichnet ein skeptisches Wissen: Ich weiss, dass ich unwissend bin. Die «Sensazione» verweist auf die Wahrnehmung: Der Mensch wird erst Mensch, wenn er mit allen Sinnen wahrnimmt. Das weiche «Sfumato» steht für die Akzeptanz des Mehrdeutigen, Paradoxen und Ungewissen. «Arte/Scienza» sucht das Interdisziplinäre, forscht zwischen Wissenschaft, Kunst und Alltag, zwischen Logik und Fantasie, Ordnung und Chaos. Die «Corporalità» erinnert an das Ideal des «gesunden Geists in einem gesunden Körper» und an Leonardos Krafttraining – er verbog Hufeisen mit blossen Händen. Die «Connessione» verweist als siebtes Prinzip darauf, dass alle Phänomene miteinander verbunden sind.

Leonardos Mona Lisa liest sich wie die Synthese dieser Prinzipien. Kreative Menschen lernen von Leonardo aber auch dies: Kreativität entsteht durch Zerstreuung und Musse, die er ausgiebig pflegte. Konkret: beim Malen des Abendmahls einfach mal vom Gerüst heruntersteigen und spazieren gehen.

Im Weiterbildungskurs CAS Creationship an der ZHdK vermittelt Paolo Bianchi mehr über Kreativitätscoaching und angewandtes Querdenken. Das individuelle gestalterische und künstlerische Potenzial kann im MAS Creative Practice erweitert und vertieft werden. www.zhdk.ch/weiterbildung
Paolo Bianchi (paolo.bianchi@zhdk.ch) ist Dozent am Departement Kulturanalysen und Vermittlung der ZHdK und Gründungsleiter des CAS Creationship.
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