Zu Gast bei Gästen

«Wenn du dich hier zu Hause fühlen würdest, wüsstest du, wie du dich darum sorgen musst.» Willimann/Arai, Invitation 2.1: Nakanojo. Foto: Ujin Matsuo.

Grosszügig, offen, zuvorkommend – der Begriff Gastfreundschaft ist sehr positiv konnotiert. Doch das Verhältnis zwischen Gast und Gastgeberin beinhaltet viele unterschiedliche Facetten. Das Künstlerinnenduo Willimann/Arai untersucht diese in seinem Projekt «The gift exercise». Dabei geht es um Machtverhältnisse, gegenseitige Abhängigkeiten – und darum, wie Gästinnen zu Gastgeberinnen werden.

VON LEA INGBER
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Lea Ingber: Seit vier Jahren beschäftigt ihr euch mit Gastfreundschaft. Was fasziniert euch daran?
Willimann/Arai: Gastfreundschaft ist komplex und ambivalent. Wir kommen aus unterschiedlichen sprachlichen, kulturellen, geografischen und disziplinären Kontexten. In unserer Zusammenarbeit haben wir gemerkt, wie stark dies unsere Beziehung prägt und wie wir immerzu unsere Rollen als Gast oder Gastgeberin tauschen. Diesen Rollen sind natürlich immer Machtverhältnisse eingeschrieben. Der Gast befindet sich in vielen Situationen in einer gewissen Abhängigkeit gegenüber der Gastgeberin. Das kann zu Konflikten führen, aber auch zu einer gewissen Demut. Dieses Rollenspiel von Gastgeberinnen und Gästen untersuchen wir auch in unseren Projekten.

Zum Beispiel?
Im Rahmen von «The gift exercise / Invitation 2» haben wir sowohl in Nakanojo (Japan) als auch in Zürich während einiger Wochen in einem leeren Ladenlokal mit grossen Schaufenstern gelebt. Wir haben die Nachbarinnen und Nachbarn gebeten, uns alles Lebensnotwendige wie Möbel oder Nahrungsmittel auszuleihen. Im Gegenzug haben wir ihnen Dienstleistungen angeboten, zum Beispiel Gartenarbeit, Porträtfotos, Massagen, Englischlektionen. Wir haben jeden Austausch dokumentiert, mit einem Vertrag und einem Selbstporträt mit dem ausgeliehenen Gegenstand und optional auch dessen Besitzerin.

«Wer nicht mehr Gast ist, gehört dazu.» Willimann/Arai, Invitation 2.2: Zürich und Nakanojo. Fotos: Willimann/Arai

Also wart ihr dort zu Gast?
Zu Beginn ja, wir waren völlig abhängig von der Unterstützung der Anwohnenden. Doch schnell waren die Verhältnisse nicht mehr so klar. Wir bedurften zwar weiterhin ihrer Hilfe. Doch gleichzeitig waren wir nun auch Gastgeberinnen, wenn die Anwohnenden in unseren Raum kamen und somit zu unseren Gästen wurden. Es war ein sehr komplexes Setting, das viele unterschwellige Machtstrukturen und deren Instabilität sichtbar und erlebbar machte. Diese «Kippmomente» interessieren uns in «The gift exercise».

Wie ist die Idee zu «The gift exercise» entstanden?
Wir haben uns 2015 in Hong Kong kennengelernt, im Rahmen des Semesterprogramms «Transcultural Collaboration» der ZHdK. Es war ein Glückstreffer. Obwohl wir uns anfangs nicht gut verständigen konnten, hatten wir sofort eine Verbindung. Danach arbeiteten wir oft im Rahmen von Kunstresidenzen zusammen, in denen wir beide zu Gast waren – und beide ortsfremd. Diese Erfahrungen haben uns inspiriert, solche Situationen genauer zu betrachten.

Während eurer Arbeit tragt ihr immer die gleiche Kleidung, schwarze Hosen und ein weisses Oberteil.
Durch die Kleidung versuchen wir, unsere Individualität möglichst auszulöschen. Sie hilft uns, in die Rolle als Gästin oder Gastgeberin zu schlüpfen. Das ist sozusagen eine Arbeitskleidung. Wir sind dann nicht mehr die Privatpersonen Mayumi und Nina.

Wie haben die bisherigen Erfahrungen eure Beziehung als Künstlerinnenduo beeinflusst?
Durch unsere Zusammenarbeit nehmen wir unsere unterschiedlichen Prägungen und Perspektiven viel bewusster wahr und reflektieren diese intensiv. Es gibt neben den Unterschieden zwischen uns ja auch Gemeinsamkeiten, zum Beispiel in Bezug auf den Kolonialismus. Sowohl Europa als auch Japan haben eine koloniale Vergangenheit, die bis in die Gegenwart hineinwirkt. In unserem Projekt «The gift exercise / Invitation 4» beschäftigten wir uns mit einem Ort, wo sich diese beiden Geschichten kreuzen. Beherbergt von einer indigenen Gemeinschaft in Taiwan, wurden wir mit der gewalttätigen und komplexen Kolonialgeschichte des Landes und unseren eigenen Verstrickungen konfrontiert. Was bedeutet es, als europäische oder japanische Bürgerinnen an diesem Ort zu Gast zu sein?

Die ganze Bildstrecke gibt es im neuen Zett und online, ab Seite 36.

Lea Ingber (lea.ingber@zhdk.ch) ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation der ZHdK.
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