Eine Kunsthochschule erfindet das Studium neu

Agile Projektleitung: Michèle Graf an einem Major-Minor-Forum mit ZHdK-Angehörigen. Foto: Regula Bearth

Art Education, Design, Film, Fine Arts, Musik, Tanz, Theater und Transdisziplinarität: Diese Disziplinen werden im Toni-Areal unter einem Dach studiert und gelehrt. Die enge Nachbarschaft ist einzigartig, produktiv und lässt noch viel mehr zu. Im Major-Minor-Studienmodell sollen sich Studierende im Angebot freier bewegen können. Projektleiterin Michèle Graf im Interview über die Zukunft des Studierens und weshalb «T-Shaped Professionals» im Berufsleben einen Vorteil haben.

VON LEA DAHINDEN

Lea Dahinden: Worum geht es bei Major-Minor?
Michèle Graf: Mit dem Major-Minor-Modell wollen wir das Potenzial an der ZHdK noch besser ausschöpfen. Seit dem Einzug ins Toni-Areal begegnen sich Studierende, Lehrende, Forschende und Gäste unter einem Dach. Die ZHdK ist eine der wenigen Kunsthochschulen, in denen die Disziplinen in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander stehen. Allerdings gibt es immer noch Hindernisse bei der Zusammenarbeit über disziplinäre Grenzen hinweg oder in Bezug auf die internationale Mobilität. Genau dort setzt das Major-Minor-Modell an: Es will die Angebote durchlässiger machen und die Wahlmöglichkeiten für die Studierenden ausbauen.

Wie könnten solche Wahlmöglichkeiten aussehen?
Nehmen wir als Beispiel eine Studentin mit Major Game Design, die sich für einen Minor entscheiden will:
Sie könnte sich mit einem Minor Serious Games in ihrer Studienrichtung vertiefen, mit dem Minor Virtual Production Kompetenzen in einer anderen Disziplin erwerben, mit Immersive Arts einen übergreifenden, transversalen Minor wählen oder, falls wir in unseren Verhandlungen erfolgreich sind, den Minor Computer Science an einer anderen Hochschule besuchen.

Weshalb braucht es dieses Modell?
Ein Studium an der ZHdK soll sowohl eine vertiefte Ausbildung wie auch breite Erfahrung für die Zukunft bieten. Die Corona-Zeit hat deutlich gezeigt, wie vielseitig Künstlerinnen, Designer oder Vermittlerinnen sein müssen. In der Berufswelt wird von «T-Shaped Professionals» gesprochen. Damit sind Personen gemeint, die sowohl Tiefen- als auch Breitenwissen mitbringen. Für die Kunsthochschule kommt dazu, dass das Überschreiten und Infragestellen disziplinärer Grenzen zur zeitgenössischen Praxis in den Künsten und im Design gehören.

Besteht nicht die Gefahr, dass «ein bisschen alles, aber nichts richtig» studiert wird?
Unser Credo lautet: Keine Abstriche bei der Qualität! Wir haben keine europäische Kunsthochschule gefunden, die in ihrem Anspruch an Durchlässigkeit so weit geht wie wir. Unsere Studierenden verbringen viel Zeit in ihrem Majorstudium, dort ist ihre disziplinäre Heimat, dort haben sie ihr Standbein. Aber sie haben im Minorstudium auch die Möglichkeit, in die Ferne zu schweifen oder in die Tiefe zu gehen. Wer bereits im Studium lernt, mit viel Unbekanntem umzugehen, hat im Berufsleben Vorteile.

Wie entscheide ich mich für den richtigen Minor?
Will ich mich spezialisieren, wähle ich einen Minor in der Studienrichtung meines Majors. Will ich mir Grundlagen in einer weiteren Disziplin aneignen, wähle ich einen Minor in einer anderen Studienrichtung. Interessiert mich ein externes Angebot, kann ich einen Minor an einer Partnerhochschule wählen. Die diesbezüglichen Verhandlungen nehmen wir demnächst auf. Wir stellen uns auch eine stärkere Öffnung des Hochschulplatzes Zürich vor. Und schliesslich gibt es noch die transversalen Minors als Option, wenn übergreifende Perspektiven mein Ziel sind. Transversale Minors stehen allen Studierenden offen und vermitteln einen zentralen Kompetenzbereich der ZHdK. Die Themenfelder reichen von Nachhaltigkeit über Forschung bis hin zu Entrepreneuring.

Das Major-Minor-Modell betrifft viele Bereiche der ZHdK. Was landet bei dir?
Das Projekt bringt für die gesamte ZHdK Veränderungen und viele Fragen mit sich. Beispielsweise sind die Verantwortlichen aus den Werkstätten besorgt, dass sich ungeübte Studierende verletzen könnten. Die Personalabteilung fragte, ob es neue Leitungsstellen geben werde, während Dozierende befürchten, sie könnten ihr Pensum verlieren. Und für alle ist der Zeitdruck eine Herausforderung, weil das Projekt parallel zum Tagesbetrieb läuft.

Wie gehst du mit diesen vielen Fragen, Sorgen und Wünschen um?
Ich versuche, den Überblick zu behalten und das Projekt agil zu führen. Ich teile mir die Arbeit deshalb in überschaubare Pakete ein. Es gibt starke Projektteams, die in den Hochschulbereichen verankert sind und deren Bedürfnisse einbringen. Mir ist wichtig, möglichst viele Leute einzubeziehen. Wir veranstalten regelmässig Foren, in denen alle mitdiskutieren können.

Wo steht das Projekt aktuell?
Wir haben Anfang 2020 mit den Grobkonzepten einen wichtigen Meilenstein erreicht. Ist die Struktur definiert, können wir uns auf den Inhalt konzentrieren. In der ersten Jahreshälfte 2021 wollen wir das Angebot definieren. Wichtige Erkenntnisse erhoffen wir uns von der Projektsimulation: Wie bewegen sich Studierende auf unserer Plattform? Welche Informationen suchen sie zuerst? Welche Angebote wählen sie aus? Vermissen sie etwas?

Was würdest du wählen, würdest du nochmals studieren?
Nun, ich bin Historikerin, keine Künstlerin. Ich würde meine eigene Disziplin in einen grösseren Kontext stellen wollen. Vielleicht würde ich etwas aus dem Design wählen oder mich fürs Schreiben interessieren. Mich würde sicher auch das ortsunabhängige Studieren reizen, um vom Netzwerk mit Partnerhochschulen, beispielsweise in Hong Kong oder London, zu profitieren.

 

Mit dem Major-Minor-Modell geht die ZHdK in der künstlerisch-gestalterischen Ausbildung neue Wege: Das Studienmodell kombiniert Inhalte aus verschiedenen Disziplinen, macht das Gesamtangebot der ZHdK für Studierende einfacher zugänglich und gewährleistet den Nachweis der entsprechenden Leistungen im Diplom. Mit der Einführung des neuen Studienmodells, die für 2022/2023 geplant ist, schärft die ZHdK ihr einzigartiges Profil als durchlässige, interdisziplinär ausgerichtete und an neuen Berufsfeldern orientierte Hochschule.
Michèle Graf (michele.grafmorgenthaler@zhdk.ch) ist Leiterin Akkreditierung und Qualitätsentwicklung an der ZHdK. Seit 2018 verantwortet sie das Projekt Major-Minor.
Lea Dahinden (lea.dahinden@zhdk.ch) ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation der ZHdK.
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