Zeit haben, Zeit geben

Dozierendenporträt: Erika Fankhauser Schürch

Versierte Kunsthandwerkerin und preisgekrönte Künstlerin: Erika Fankhauser Schürch in der Keramikwerkstatt der ZHdK. Foto: Betty Fleck © ZHdK

Ausgebildet als Keramikerin und als Lehrerin: Erika Fankhauser Schürch unterrichtet als Expertin in der Kunst der Vermittlung an der ZHdK. Ein Porträt.

VON FRANZISKA NYFFENEGGER
___

Wie kommt eine junge Frau aus den Buchsibergen auf die Idee, eine künstlerische Ausbildung machen zu wollen? – Wenn sie als Kind beim Heuen oder auf dem Kartoffelacker mitgeholfen habe, sei ihr oft ein älterer Mann aufgefallen, einer, der unter einem Sonnenschirm vor einer Staffelei gesessen und die Landschaft gemalt habe, erzählt Erika Fankhauser Schürch. Einer, der nicht vom Bauern gelebt habe, sondern vom Bildermachen. Einer, der Weltläufigkeit in den Weiler gebracht habe: Bruno Hesse, der älteste Sohn Hermann Hesses, als Pflegesohn aufgewachsen auf der Oschwand im Haus des Künstlers Cuno Amiet und später wohnhaft im Spych, in direkter Nachbarschaft zu Erikas Elternhaus.

Etwas Eigenes machen, mit den Händen und dem Kopf, das hat ihr schon immer gefallen, und auch anderen dieses Wissen um die Machbarkeit weiterzugeben. Mit dem Machen allein, dem Entwerfen und Gestalten wäre sie nicht zufrieden. Die Vermittlung steht bei ihr gleichwertig neben der Kunst und dem Kunsthandwerk.

Aus der Zeit fallen

Es raucht und dampft unter dem Bahnviadukt neben dem Toni-Areal, den ganzen Tag schon. Unter einfachen Metalleimern brennt Feuer, daneben stehen Kessel voller Sägemehl, andere sind mit Wasser gefüllt. Mit einer Zange legt Erika Fankhauser eine Schale in einen der improvisierten Öfen. «Westliche Künstler haben die japanische Raku-Technik in den 1960er-Jahren entdeckt», erklärt sie und dass der Raku-Brand einen experimentellen Zugang zur Keramik ermögliche. «Was mit dem Werkstück passiert, lässt sich hier noch weniger kontrollieren als in einem herkömmlichen Ofen. Jedes Ergebnis ist eine Überraschung.»

Etwas enttäuscht und ungeduldig betrachten zwei Studentinnen ihre Schalen. Sie haben mit einer anderen Farbe gerechnet und können sich noch nicht vorstellen, wie die vom Brand verletzte Oberfläche aussehen wird, ist der beim Abräuchern entstandene Russ erst einmal entfernt. «Mir gefällt die unerwartete Farbe, der rostige Ton», meint Erika und ermutigt sie zu etwas mehr Neugier und Offenheit. «Mit Stahlwolle kannst du die Glasur reinigen.»

Keramik braucht Zeit und Geduld; Tempo und Ton vertragen sich nicht. Vielen gefällt gerade diese Langsamkeit. «Es war schön, einen Prozess über einen längeren Zeitraum zu verfolgen», meint eine Studentin in der Schlussrunde zum 14-wöchigen Atelierkurs, «aber es war auch schwierig, diesen Prozess auszuhalten. Nichts geht schnell schnell und vieles bleibt lange offen.»

Zeit haben, Zeit lassen, aus der Zeit fallen, nicht mit der Zeit gehen: Themen, die Erika als Keramikerin und als Vermittlerin begleiten. In ihrem Atelier in Wynigen findet das Langsame Zeit. Die Arbeitsschritte sind komplex, aber klar. Jeder Schritt erfordert seine eigene Aufmerksamkeit, jeder Schritt birgt ein Risiko. Hetzen geht nicht, Trödeln auch nicht, nicht im Handwerk und nicht, wenn es darum geht, etwas zu lernen.

Denken im Dreck

«Lättele» sagen wir im Oberaargau, wo Erika und ich aufgewachsen sind, wenn Kinder mit Lehm spielen. Der Ausdruck hat etwas leicht Abwertendes. Im «Lättele» stecken das Ausprobieren und das zweckfreie Spiel, das freie Gestalten und Tun, um das die Erwachsenen die Kinder mit den dreckigen Händen ein wenig beneiden.

Für mich war «Lättele» eine Lieblingsbeschäftigung, und Erika erklärt mir warum: Im und mit dem «Lätt» entdecken wir den Raum und das Denken in der dritten Dimension. «Lättele» trainiert das räumliche Vorstellungsvermögen, was nicht zuletzt beim Lösen mathematischer Aufgaben hilft; als feinmotorische Tätigkeit regt es das Gehirn an. Leider, fügt sie an, scheuten viele Lehrkräfte das Arbeiten mit Ton: «Keramikprojekte brauchen Zeit, sind anspruchsvoll und aufwendig, und es gibt immer Dreck.» Der dreidimensionale Entwurf und damit das räumliche Denken liessen sich aber durchaus auch einfacher, mit weniger Aufwand vermitteln, mit Draht zum Beispiel oder mit Karton. Heute komme das Dreidimensionale im gestalterischen Unterricht auf allen Stufen zu kurz, auch im Bachelor Art Education. Umso wichtiger ist es Erika, den Studierenden zu zeigen, wo und wie sich das räumliche Gestalten vermitteln lässt – nicht nur im Keramikatelier.

Neben ihren Lehraufträgen an der ZHdK engagiert sich Erika Fankhauser im Lernwerk Bern in der Lehrerfortbildung. «Praxis ist wichtig, denn nur in der Praxis kannst du scheitern, und nur beim Scheitern lernst du etwas.» Sie selbst scheitere zum Beispiel immer wieder an der Aktualisierung ihrer Website, und das zeige sie den Studierenden auch. Ihre Beliebtheit schmälert das nicht. «Erika weiss einfach alles», heisst es in der Keramikwerkstatt. Dass sie immer den Überblick behalte, gut zuhören und erklären könne, dass sie den Studierenden auf Augenhöhe begegne und nie bevormundend sei, immer am einzelnen Menschen interessiert, an seinen Ideen. «Erika darfst du alles fragen!»

Erika Fankhauser ist eine versierte Kunsthandwerkerin und eine preisgekrönte Künstlerin. Sie hat an der Schule für Gestaltung Bern die Keramikfachklasse besucht, eine vierjährige Vollzeitausbildung, einen Master in Design an der Hochschule Luzern absolviert und betreibt seit vielen Jahren erfolgreich ein eigenes Atelier. Die Designsammlung des Kantons Bern und die Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums haben Werke von ihr gekauft. Sie wird an internationale Festivals eingeladen, zuletzt nach Südkorea, wo sie im Frühling 2018 gearbeitet hat. Können sich Studierende innerhalb weniger Wochen das keramische Handwerk aneignen? «Nein, aber darum geht es nicht. Es geht immer um die Vermittlung. Ich unterrichte hier angehende Vermittlungsprofis, nicht angehende Keramikerinnen. Das handwerkliche Basiswissen ist wichtig, aber wichtiger ist die pädagogische Übersetzung: Was kann ich mit Schülerinnen und Schülern in einer einfach eingerichteten Werkstatt machen? Was ist möglich und was nicht? Wie können wir Erfahrungen mit dem dreidimensionalen Gestalten vermitteln?»

In den Schulzeugnissen von Franziska Nyffenegger (franziska.nyffenegger@zhdk.ch), Dozentin in den Departementen Design und Kulturanalysen und Vermittlung der ZHdK, stand oft: «[…] zeigt wenig Geduld im Umgang mit Schere, Leim, Papier […]». Die Arbeit mit den Händen interessiert sie mehr so theoretisch. Ihr räumliches Vorstellungsvermögen trainiert sie derzeit mit dem Videospiel «Monument Valley».