Das Theater als Labor

David Reichel beim Demut-Brunnen am Werdplatz in Zürich. Fotos: Regula Bearth © ZHdK

Studierendenporträt David Reichel

Theaterpädagogikstudent David Reichel schafft auf der Bühne Raum für gesellschaftlich relevante Themen. In seinem Studium hat er schon Angehörigen von Gefängnisinsassen eine Stimme gegeben und an einer fiktiven Hochzeit teilgenommen.

VON GIULIA ADAGAZZA
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Giulia Adagazza: Wieso hast du dich für den Studiengang Theaterpädagogik entschieden?
David Reichel: Das Theater war für mich schon immer ein Labor, in dem gesellschaftliche Phänomene sichtbar gemacht und untersucht werden können. Ich habe mich nach einem Berufsfeld gesehnt, in dem ich mit Menschen zusammenarbeiten und mich künstlerisch mit meiner Umwelt auseinandersetzen kann. Genau dies ermöglicht das Theaterpädagogikstudium. Ich richte den Fokus auf gesellschaftlich relevante Themen und stellte mit Laien sowie professionellen Theaterschaffenden Projekte auf die Beine. Ich stehe an der Tür zum Theater und sehe mich als Bindeglied zwischen Publikum und Bühne.

Was heisst das konkret?
Im dritten Semester haben wir Studierenden ein Stück erarbeitet, in dem wir Angehörigen von Gefängnisinsassen eine Stimme gegeben haben. Wir haben uns intensiv mit betroffenen Personen und ihrer Lebensrealität auseinandergesetzt, uns ihre Geschichten angehört und dann auf Basis dieser Recherche ein Theaterprojekt entwickelt.

Welches Stück hat dich zuletzt begeistert?
Im Rahmen des Moduls «Theater als Kritik» inszenierte der holländische Gaststudent Stijn Dijkema eine fiktive Hochzeit. Für die Feier ist er auf die Strasse gegangen und hat willkürlich Passantinnen und Passanten eingeladen. Es wurde ein sehr lebhafter Abend, in dessen Rahmen Menschen miteinander feierten und diskutierten, die sich im Alltag wahrscheinlich nie begegneten wären. Stijn Dijkema wollte, dass wir die sozialen Blasen, in denen wir uns täglich bewegen, erweitern und verlassen.

Wonach sehnst du dich in deinem Schaffen?
Die Theaterpädagogik soll an Schulen wichtiger werden. Theaterpädagogisches Arbeiten stimuliert und hinterfragt das eigene Denken. Schade, dass ich während meiner Schulzeit nie eine solche Erfahrung machen durfte.

Dein Traumberuf nach dem Studium?
Ich möchte nach dem Studium meine künstlerische Praxis vertiefen und schärfen. Dabei ist es mir wichtig, im Kollektiv zu arbeiten, da dies den Reflexionsraum erweitert. Egal, ob ich in theaternahen oder -fernen Feldern tätig sein werde, der Arbeitsalltag soll stets Raum fürs Entdecken und Erforschen lassen.

Dein Lieblingsort in Zürich?
Die Kurve D28 im Stadion Letzigrund an einem sonnigen Sonntagnachmittag während eines FCZ-Matchs.