Auf der Heldinnenreise

Auszug aus Bernadette Kolonkos Forschungstagebuch

Eine Frau streift durch die Stadt, eine Frau knetet wütend Teig in der Küche, eine Frau liegt erschöpft im Bett. Alles schon mal gesehen? Alles typisch Frau? Bernadette Kolonko, Regisseurin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der ZHdK, befasst sich im Rahmen ihres Fellowship-Programms mit dem Bild der Frau im Spielfilm. Sie sehnt sich nach mehr Diversität.

VON LEA DAHINDEN
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Der Spielfilm ist eine Kunstform, bei der aktiv gestaltet wird. Anders als beim Dokumentarfilm können Regieführende stärker in die Handlung eingreifen, eine Szene mehrmals drehen. Es gibt ein Drehbuch, und es gibt Schauspielerinnen und Schauspieler. Die Filmbranche war lange Zeit von Männern dominiert. Männer haben Drehbücher geschrieben. Männer haben Regie geführt. Dramaturgie und Narrative wurden auf der Basis des männlichen Helden geschaffen. Wohin aber führt die Reise der Heldin?

Bernadette Kolonko, 33, hat Spielfilmregie und Drehbuch studiert. Nach ihrem Abschluss an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf absolviert sie derzeit an der ZHdK das Fellowship-Programm des 3. Zyklus. Ihre Arbeit «Unsichtbares und Ungesagtes» geht der Frage nach, warum im Spielfilm immer wieder dieselben Frauenbilder gezeigt werden. «Ich hätte die gleiche Frage auch für das Männerbild im Spielfilm stellen können, denn auch bei diesem treffen wir immer wieder auf dieselben Stereotype», erklärt die Forscherin und betont: «Einengende oder ausschliessende Rollenbilder können alle Geschlechter betreffen.»

Was ist schon typisch Frau?

Kolonko hat sich auf die Suche nach dem Atypischen der Frau im Film gemacht. «Für meine Interviews habe ich Regisseurinnen ausgesucht, deren Werke mich neugierig gemacht haben, weil sie von Kämpfen und Sehnsüchten erzählen, die mich, meine Freundinnen, meine Mutter oder meine Grossmütter beschäftigen und die hier plötzlich ans Licht treten», erklärt sie ihre Motivation. Sie hat bis jetzt vier europäische Regisseurinnen im Alter zwischen 30 und 45 Jahren zu ihrer Arbeit mit Schauspielerinnen befragt. «Welche Rolle spielt Körperarbeit in deiner Arbeit mit Schauspielerinnen?» oder «Wann sind Figuren für dich Subjekte und wann Objekte – und spielt diese Frage in deinem Schaffen überhaupt eine Rolle?», steht da beispielsweise in ihrem Fragenkatalog. Kolonko vergegenwärtigt sich dabei immer wieder selbst ihre Verantwortung als Regisseurin: Vieles, was heute anders inszeniert wird, ist die Folge eines bewussten Regieentscheids. Zum Beispiel dann, wenn die Frau bei einem Date die Beine nicht übereinanderschlägt, den Kopf nicht verlegen zur Seite neigt oder ihre Schamhaare nicht rasiert.

Ein nackter Frauenkörper in der Badewanne ist ein sehr normierter Bildentwurf. Er kann aber zu etwas ganz anderem werden, wenn zum Beispiel in einer Bild- und Körperinszenierung Wasser das Fliessende betont und für Bewegung und Wandelbarkeit steht. Dann verbildlicht eine solche Szene mehr als bloss «waschen» oder «erotisch» und wird zu einer Inszenierung, die zum Denken anregt. Kolonko will in ihren Interviews mit Filmemacherinnen herausfinden, ob diese neue Bildsprache gezielt oder eher zufällig entstanden ist. Müsste sie diese Frage selbst beantworten, wählte sie Ersteres. Nur über das Bewusstsein ändern sich Dinge. Es braucht den gewollten Entscheid, nicht in die gängigen Muster zu fallen. Und nicht zuletzt braucht es auch Mut. Wie oft hat Kolonko schon Sätze gehört wie: «Aber das ist doch nicht spannend» oder «So fühlt doch keiner mehr mit dieser Frau mit». Ihre Antwort darauf: «Wer definiert denn überhaupt, wie Spannung und Mitgefühl bei einer Frau auszusehen haben?»

Auszug aus Bernadette Kolonkos Forschungstagebuch

Von Interviews zu Körperübungen

Die Interviews dienen Kolonko als Grundlage für den zweiten Teil ihrer Forschungsarbeit. Ausgehend von den Antworten der Regisseurinnen führt sie mit Schauspielstudierenden der ZHdK Körperübungen durch. Bei den Inszenierungsversuchen geht es um «weibliche» und «männliche» Codes in Körperdarstellungen. Wie fühlt sich etwas an für die Schauspielerinnen? Ist es fremd, weil es ungewohnt ist, oder ist es ungewohnt, weil es fremd ist? Vielleicht ist das Bild, das einem als Erstes für eine Szene in den Sinn kommt, nicht immer das beste. Kolonko ermuntert dazu, auch mal bewusst das Widersprüchliche zu wählen.

Etwas anders zu machen kann attraktiv sein. Der Weg dorthin ist aber weder gerade noch einfach … und manchmal gar vergebens. Kolonko möchte nicht werten, sondern vielmehr zu Diversität aufrufen. Nur durch Sensibilisierung verändere sich das Rollenbild der Frau auf der Leinwand. Geschichten sollen nicht geschrieben werden, weil man schon im Vornherein weiss, dass sie funktionieren werden. Sondern weil jemand bewusst das Publikum mit einer Idee konfrontieren will. Irgendwann sind Schamhaare bei Frauen genauso unspektakulär wie die Dauerwelle auf dem Kopf.

Das postgraduale Fellowship-Programm des Departements Darstellende Künste und Film bietet die Möglichkeit, im Zwischenbereich von Forschung, Produktion und Lehre an einem künstlerischen Entwicklungsprojekt in den darstellenden Künsten und im Film zu arbeiten. Ziel des Programms ist es, die künstlerische Forschung in und durch die Künste anhand von zukunftweisenden Projekten junger Künstlerinnen und Künstler zu stärken und voranzubringen.
Bernadette Kolonko (bernadette.kolonko@zhdk.ch) studierte bildende Kunst mit Schwerpunkt Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig, und an der Zürcher Hochschule der Künste. Im Anschluss an den Bachelor Fine Arts 2010 studierte sie Spielfilmregie und Drehbuch an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Ihr Projekt «Unsichtbares und Ungesagtes» ist im Fellowship-Programm des Departements Darstellende Künste und Film der ZHdK angesiedelt.
Lea Dahinden (lea.dahinden@zhdk.ch) ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation der ZHdK.