Klimaerwärmung

Besucherinnen und Besucher werden virtuelle Szenarien der künftigen Gletscher von einer sicheren Plattform aus betrachten können. Bilder aus der Bachelorarbeit «Nach dem ewigen Eis» (2016) von Noemi Chow. Diese Arbeit und die daraus entstandene Kooperation waren Grundlage für das Projekt «Expedition 2 Grad».Bilder aus der Bachelorarbeit «Nach dem ewigen Eis» (2016) von Noemi Chow. Diese Arbeit und die daraus entstandene Kooperation waren Grundlage für das Projekt «Expedition 2 Grad».Bilder aus der Bachelorarbeit «Nach dem ewigen Eis» (2016) von Noemi Chow. Diese Arbeit und die daraus entstandene Kooperation waren Grundlage für das Projekt «Expedition 2 Grad».

Wie Virtual Reality zu einer Verhaltensänderung beiträgt

Welche Folgen hat der globale Temperaturanstieg für unsere Gesellschaft? An der Zürcher Hochschule der Künste erarbeitet ein Team der Fachrichtung Knowledge Visualization das Projekt «Expedition 2 Grad». Fachrichtungsleiter Niklaus Heeb und Jonas Christen, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, zeigen mittels Virtual Reality (VR), was im alpinen Raum passiert, wenn die Erdtemperatur um mehr als 2 Grad Celsius steigt.

VON LEA DAHINDEN
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Lea Dahinden: Das Projekt «Expedition 2 Grad» wird vom Schweizerischen Nationalfonds SNF gefördert und ist eine Kooperation mit mehreren Partnern, darunter zum Beispiel die Universität Fribourg, Departement für Geowissenschaften. Wer profitiert da von wem?
Niklaus Heeb: Die Universität Fribourg liefert uns Geodaten, die wir für unsere Modelle brauchen. Das Problem dabei ist, dass die Daten der Geologinnen und Geologen nicht einfach zu verstehen sind. Wir wiederum können sie zwar nicht selbst erheben, aber mit unserem Know-how daraus Szenarien entwickeln, die die Leute nicht nur verstehen, sondern dank Virtual Reality sogar erleben können. Expedition 2 Grad ist für unsere Fachrichtung ein Pionierprojekt. Wir hoffen natürlich, dass VR einen Beitrag zum Sinneswandel in unserer Gesellschaft leisten kann.Expedition 2 Grad ist sowohl wissenschaftlich als auch emotional. Welcher Teil überwiegt?
Niklaus Heeb: Wir wollen Betroffenheit auslösen und stellen daher das Erleben ins Zentrum. Besucherinnen und Besucher lernen mittels VR eine Welt kennen, die Realität werden wird, wenn die mittlere Erdtemperatur um zwei Grad und mehr steigt. Wir wollen die Leute überraschen und sie dazu anregen, sich über die Ursachen der Klimaveränderung zu informieren. Sie sollen diskutieren und dadurch ihr eigenes Verhalten überdenken und ändern. Dies erreichen wir, indem wir sie auf der emotionalen Ebene abholen.Wie löst ihr diese Betroffenheit aus?
Jonas Christen: Das Storytelling ist entscheidend. Wir erzählen eine Geschichte, die sich über mehrere Generationen hin erstreckt. Unsere Zielgruppe sind Sekundarschülerinnen und -schüler; wir nehmen sie mit auf eine Zeitreise, die im Jahr 1880, als der englische Wissenschaftler und Bergsteiger John Tyndall in Belalp von seinem Hotel aus auf den Aletschgletscher schaut, beginnt. Tyndall war der Erste, der die für den natürlichen Treibhauseffekt verantwortlichen Gase identifizieren konnte. Wir reisen weiter in ein Jahr, in dem die Grosseltern unserer Schülerinnen und Schüler noch jung sind. Wir zeigen aber auch, wie es heute aussieht, und zu guter Letzt simulieren wir das Jahr 2070 – also eine Zeit, in der unser Publikum selbst Enkelkinder haben könnte.

Jonas, du bist für die Modelle, den Hauptteil der gestalterischen Arbeit sowie die Konzeption zuständig. Gibt es auch Grenzen in der virtuellen Welt?
Jonas Christen: Ein Felssturz gleich neben den Nutzerinnen und Nutzern zum Beispiel wäre zu heftig. Die Leute würden zur Seite springen und sich im echten Leben in Gefahr bringen. Mit Expedition 2 Grad haben wir den Auftrag, den Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zu fördern. Da stellen sich auch Herausforderungen: Wir wollen zwar ein Stück weit schockieren, aber trotzdem glaubwürdig bleiben und wissenschaftlich arbeiten.

Wieso richtet sich euer Projekt an Schulklassen?
Niklaus Heeb: Oberstufenschülerinnen und -schüler werden die Entscheidungen von morgen treffen. Es ist uns wichtig, dass gerade diese Generation weiss, welche Folgen die globale Klimaerwärmung für sie haben kann. Nach der VR-Erfahrung soll ein Austausch zu Ursachen und Wirkungen stattfinden, der professionell begleitet wird. Wir haben beispielsweise einen Umweltpsychologen und die Pädagogische Hochschule Graubünden mit im Team, welche die Vermittlung über das VR-Erlebnis hinaus mit entwickeln. Die Reflexion ist zentral bei Expedition 2 Grad, weil wir eine Verhaltensänderung sowohl auf der politischen wie auch der wirtschaftlichen und der individuellen Ebene brauchen.
Jonas Christen: Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler das Erlebte mit nach Hause nehmen und dort am Küchentisch mit der Familie weiterdiskutieren… und so Impulse für einen dringend notwendigen breiteren gesellschaftlichen Diskurs und ein Umdenken geben.

Die Vereinten Nationen haben 2015 im Übereinkommen von Paris das Ziel definiert, die globale Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu beschränken. Die Forschungsgruppe der Fachrichtung Knowledge Visualization der ZHdK wird mittels einer Virtual Reality Experience die Auswirkungen des Temperaturanstiegs im alpinen Raum interaktiv erlebbar machen und so das abstrakte Ziel 2°-Grenze verständlich vermitteln. Partner sind das Departement für Geowissenschaften der Universität Fribourg, die Pädagogische Hochschule Graubünden sowie mehrere alpine Museen wie zum Beispiel das Besucherzentrum des Schweizerischen Nationalparks und das World Nature Forum in Naters.
www.expedition2grad.ch
«Expedition 2 Grad» wird in zwei Besucherzentren angeboten:

Nationalparkzentrum, Zernez: 2. April–22. August 2019
World Nature Forum, Naters: 10. September 2019–23. Januar 2020

ZHdK: Niklaus Heeb (niklaus.heeb@zhdk.ch), Jonas Christen (jonas.christen@zhdk.ch), Reto Spoerri (reto.spoerri@zhdk.ch), Noemi Chow (noemi.chow@zhdk.ch)
Universität Fribourg, Universität Zürich: Martin Hoelze, Andreas Linsbauer, Bruno Meeus, Martin Scherler
Pädagogische Hochschule Graubünden: Felix Keller, Andreas Imhof
Lea Dahinden (lea.dahinden@zhdk.ch) ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation.