Sounding Soil: die Musik der Böden

Boden ist nicht gleich Boden. Das Projekt Sounding Soil macht die Vielfalt der Schweizer Böden erstmals auch akustisch zugänglich. Foto: Marcus Maeder

Der Boden unter uns ist ein weitgehend unbekanntes Reich. Wir stehen zwar auf ihm, sehen aber nicht in ihn hinein. Umso überraschender ist es, wenn wir den Boden und seine Bewohner plötzlich hören. Klangforschende der Zürcher Hochschule der Künste erstellen zusammen mit Partnern eine Soundmap der Schweizer Böden. Dabei setzen sie auf Citizen Science: Mitforschen können alle, indem sie Bodengeräusche in ihrer Umgebung aufnehmen.

VON LUKAS DENZLER

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Pure Neugier war es, die Marcus Maeder 2016 im Wallis seine Aufnahmeinstrumente in den Boden stecken liess. Was er darauf an Geräuschen im Erdreich unter seinen Füssen zu hören bekam, war überwältigend. «Auf einen Schlag wurde die sonst verborgene Welt akustisch erlebbar», sagt der Wissenschaftliche Mitarbeiter des Institute for Computer Music and Sound Technology der ZHdK. Marcus Maeder ist Klangkünstler, Komponist und Forscher. Um Geräusche in Bäumen aufzunehmen, entwickelte er vor einigen Jahren zusammen mit Roman Zweifel von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) spezielle Sensoren. Die mit diesen gemachten Tonaufnahmen stiessen aufgrosse Aufmerksamkeit. Marcus Maeder und Roman Zweifel konnten die daraus resultierende Klanginstallation unter anderem 2015 an der UN-Klimakonferenz COP 21 in Paris präsentieren.

Die Bodenfauna macht die Musik
Was bei Bäumen funktioniert hatte, schien also auch im Boden zu klappen. Die piezoelektrischen Sensoren fingen die Töne der Bodenwelt ein. «Wir hören in erster Linie die Bodentiere der Meso- und Makrofauna Springschwänze, Hundertfüssler, Käfer, Spinnen, Heuschrecken und Regenwürmer», erklärt Marcus Maeder. Der Boden präsentierte sich plötzlich als lebendiges Wesen.

«Wir hören in erster Linie die Bodentiere der Meso- und Makrofauna Springschwänze, Hundertfüssler, Käfer, Spinnen, Heuschrecken und Regenwürmer.» Marcus Maeder

Fasziniert von den Bodenklängen, suchte Marcus Maeder Partner für ein Kunst- und Forschungsprojekt zur Akustik von Bodenökosystemen. Er fand sie bei der Nationalen Bodenbeobachtung (Agroscope),  die  im  Auftrag  des  Bundes  ein  Bodenmessnetz  betreibt, bei der WSL sowie beim Transdisciplinary Lab am Departement für Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich. Bei Letzterem schreibt Maeder auch seine Dissertation. Als weitere Partnerin ist die Stiftung Biovision mit im Boot. Biovision setzt sich für eine nachhaltige und ökologische Landwirtschaft ein, bei der gesunde Böden eine zentrale Rolle spielen.

Die Vielfalt der Bodentöne einfangen
Die ersten Bodenaufnahmen wurden im Herbst 2018 im Zentrum Paul Klee in Bern der Öffentlichkeit präsentiert. Danach machte die Klanginstallation an der ZHdK auf der Rampe des Toni-Areals Halt, wo sie noch bis 8. März 2019 besucht werden kann. Die Bodentöne lassen sich auf einer Soundmap auf soundmap.soundingsoil.ch erkunden. Die klanglichen Unterschiede zwischen nachhaltig bewirtschafteten und intensiv genutzten Böden mit ihrer eigenartigen Stille sind frappant. Über das Hörerlebnis soll letztlich das Bewusstsein der Bevölkerung für biologisch intakte Böden geschärft werden. Die Erkundungen werfen zudem die zentrale Frage auf, wie wir mit dem Boden als natürlicher Ressource umgehen sollen.

Bodenuntersuchungen  sind  aufwendig.  Ein  Ziel  des  Forschungsprojekts ist es, die Biodiversität verschiedener Böden akustisch zu messen. Das Fachgebiet wird auch als Akustische Ökologie bezeichnet. Als Nächstes werden die Forschenden versuchen, die zeitlichen und räumlichen Klangmuster der unterschiedlich genutzten Böden zu erfassen.

Die klanglichen Unterschiede zwischen nachhaltig bewirtschafteten und intensiv genutzten Böden mit ihrer eigenartigen Stille sind frappant.

Neue Zugänge zu einem Thema zu erschliessen interessiere ihn auch als Künstler, sagt Marcus Maeder. Die Forschung in den Künsten untersuche Objekte oder Systeme mit künstlerischen Mitteln. Neue Perspektiven könnten dazu beitragen, die Welt anders wahrzunehmen. Laut Maeder lassen sich Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler in ihrer Arbeit immer wieder durch einen künstlerischen Zugang inspirieren.

Mit Citizen Science zu einer Soundmap der Schweizer Böden. Bild: soundmap.soundingsoil.ch

Von sensibilisierten Bauern zu Citizens
Und die Begeisterung soll bald auch über den engeren Bereich der Kunst und Wissenschaft hinausschwappen. 2018 erhielten zehn Bauern ein Gerät, mit dem sie in den Boden hineinhören konnten. Sie waren sehr interessiert und erkundeten, wie die von ihnen bewirtschafteten Böden klingen. Die Geräte werden nun weiterentwickelt und sollen sich künftig über Mobiltelefon steuern lassen. Über www.soundingsoil.ch können sich interessierte Personen ab Frühjahr 2019 ein Gerät ausleihen und selber Bodenaufnahmen machen.

Das Citizen-Science-Projekt dient grundsätzlich der Sensibilisierung. Gleichzeitig lässt sich damit aber auch die Karte der Bodentöne erweitern. Und die Projektverantwortlichen gewinnen zusätzliche Erkenntnisse über die akustische Beschaffenheit der Böden in der Schweiz. Es liegt nun an uns, der Stimme unserer Böden auch zuzuhören.

Wer beim Citizen-Science-Projekt «Sounding Soil» mitmachen möchte, findet alle Angaben dazu ab April 2019 auf www.soundingsoil.ch
Klanginstallation Sounding Soil
bis 8. März 2019, Montag–Freitag 9–18 Uhr
Toni-Areal, Rampe, Ebene 5, Förrlibuckstrasse 109, Zürich
Eintritt frei
Lukas Denzler (kontakt@lukasdenzler.ch) ist Forstwissenschaftler und freier Journalist. Als Musikbegeisterter wartet er gespannt auf die erste Bodensymphonie.