Fassaden schimmern, glühen und tanzen

Schimmernde Perlen, saftige Orangen und tanzende Faltungen ziehen an den Gebäuden Zürichs die Blicke auf sich: Wer mit offenen Augen durch die Stadt geht, kann an vielen Orten spannend gestaltete Schriften entdecken, die den Bauten eine unverkennbare Identität verleihen. Die Kuratorin der Ausstellung «3D-Schrift am Bau» im Museum für Gestaltung stellt einige Trouvaillen vor.

VON BARBARA JUNOD

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Foto: Umberto Romito und Ivan Suta © Museum für Gestaltung

Wer steckt hinter den dreidimensionalen Buchstaben am und im Toni-Gebäude?
Es sind die Zürcher Ateliers Bivgrafik und Hi – Visuelle Gestaltung. Sie haben die Nord- und die Südfassade des von EM2N umgebauten Gebäudes mit gefalteten Buchstaben beschriftet, die aussehen, als wollten sie tanzen. Tagsüber wirken sie schwarz, nachts aber leuchten sie. Die Haupterschliessungsachsen im Gebäudeinneren sind ebenfalls mit gefalteten Buchstaben gekennzeichnet. Aus ihren schwarzen Fronten hat das Team die Schrift «Areal» entwickelt und damit die flachen schwarzen Beschriftungen an den Wänden und Türen gestaltet.
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Foto: © Georg Aerni, Zürich

Vom Toni-Areal zum alten Standort der ZHdK an der Ausstellungsstrasse 60
Das 1933 von Steger und Egender errichtete Gebäude ist ein Schlüsselwerk des «Neuen Bauens» in der Schweiz. Nach dem Umzug der ZHdK und des Museum für Gestaltung ins Toni-Areal wurde der Bau renoviert, beschriftet und im März 2018 wiedereröffnet. Der neue Schriftzug «Museum für Gestaltung» ist mit seinen hinterleuchteten Buchstaben auch nachts vom Tram aus sichtbar. Prof. Rudolf Barmettler, ZHdK, und Anton Studer, Nouvelle Noire, haben diesen in Anlehnung an die alte Fassadenbeschriftung von Ernst Keller entwickelt. Kellers Stahlblechlettern wurden restauriert und als Schriftzug «Museum» an der parkseitigen Fassadenfront montiert.
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Foto: Umberto Romito © Museum für Gestaltung

Buchstaben wie saftige Orangen an der Löwenstrasse 31–35
Seit 2005 leuchten die Gebäudekennzeichnungen der Migros-Filialen schweizweit im selben Orangeton, nachdem sie im Zug einer Auffrischung der Wortmarke durch Wirz Corporate Zürich vereinheitlicht worden sind. Die dreidimensionale Umsetzung der LED-Leuchtschriften verantwortet das Zürcher Designbüro Formpol, das für die Nahkennzeichnung eine Wortmarke mit bombierten Buchstaben geschaffen hat, die sich auf den unterschiedlichen Gebäudefassaden – hier auf grauem Beton – wie saftige Orangen anpreisen.
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Fotos: © Fritz Maurer / © WBG AG, Zürich

LED-Perlen an der Bahnhofstrasse 66
An prominenter Ecklage zwischen Bahnhofstrasse und Rennweg steht seit 1968 das von Haefeli Moser Steiger erstellte Geschäftshaus Bally-Capitol. Anstelle der fünf «Bally-Kugeln» von Gérard Miedinger hängen heute fünf mit roten LED-Leuchten bestückte Perlen an der Gebäudeecke. Da der Mieter Bally ausgezogen ist, wurden die alten Kugeln entfernt und nach der Renovation des Gebäudes 2015 von der WBG AG für den Kunden Swiss Property neu in Szene gesetzt: Die LED-Perlen formen täglich neue Wörter, die etwas Poesie in die kommerzielle Strasse bringen sollen.
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Foto: © Marcel Meury, Zürich

Farbiges Lichtspektakel im Geschäftszentrum Lochergut
Sobald es dämmert, beginnen die neun Kunststoffwürfel und der Punkt auf dem Dach des Einkaufszentrums Lochergut zu leuchten. Der Schriftzug «Lochergut» wird jedoch erst bei längerem Hinschauen lesbar, wenn die Farben der computergesteuerten LED-Lämpchen in den Würfelfacetten changieren. Mit seiner Lichtskulptur spielt der deutsche Künstler Olaf Nicolai sowohl auf Zürich als Hochburg der Konkreten Kunst wie auch auf die 1960er-Jahre-Ästhetik der benachbarten Wohnblöcke an.
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Foto: © Bivgrafik, Zürich

Das Sportzentrum Heuried lädt mit Glühschrift zum Eislaufen ein
Die inmitten des Wohnquartiers Heuried gelegene Freibad- und Kunsteisbahnanlage ist nach ihrer Renovation seit Herbst 2017 wieder geöffnet und mit einer von EM2N neu erbauten Eissporthalle ergänzt. Das Atelier Bivgrafik hat die Signaletik präzise auf die Architektur abgestimmt: An der gerippten Holzfassade der Eissporthalle hat es den Schriftzug «Heuried» mit vertikalen Holzlatten und seitlichen Leuchtröhren ausgestattet. Der Schriftzug verändert sich je nach Blickwinkel und bringt abends die Buchstaben zum Glühen.

 

Barbara Junod (barbara.junod@zhdk.ch) ist Kuratorin der Grafiksammlung des Museum für Gestaltung Zürich und kuratiert die Ausstellung «3D-Schrift am Bau».
«3D-Schrift am Bau»
7. Dezember 2018 bis 14. April 2019
Museum für Gestaltung Zürich, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Dienstag–Sonntag 10–17 Uhr Mittwoch 10–20 Uhr
www.museum-gestaltung.ch

Die Ausstellung fokussiert auf 3D-Schriften am Bau, welche die Eigenschaften der Architektur und ihres Umfelds berücksichtigen und dem Bau dadurch eine passende Identität verleihen. Sie grenzen so die austauschbaren Branding-Fassaden aus. Anhand innovativer nationaler und internationaler Beispiele der letzten zwanzig Jahre fragt die Ausstellung nach der Aufgabe und der Machart dieser 3D-Schriften, die oft Teil eines umfassenden Kommunikationssystems sind.