Petit point?

Petit-point-Stickerei in Wolle auf dem Trägerstoff Stramin. Die Kissenplatte mit dem Motiv «Tanz» ist zwischen 1922 und 1924 nach einem Entwurf von Ernst Ludwig Kirchner entstanden. Ausgeführt wurden sie von Elsa Bosshart-Forrer. Foto: Museum für Gestaltung Zürich

Sabine Flaschberger, was ist Petit point?

Der Petit point gehört zu den Gobelinsticharten, mit denen sich jegliche Motive in flächenbildende Stickereien umsetzen lassen. Sie imitieren auf dem Webstuhl gewirkte Tapisserien und werden auf einem Trägerstoff ausgeführt. Hierbei gilt: Je kleiner die Stiche, desto genauer die Konturen. Der als Maler bekannte Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938) schuf zahlreiche Entwürfen für Petit-point-Stickerei. Er hatte eine Affinität zum Textilen. Frauen in seinem Davoser Umfeld führten ab Anfang der 1920er-Jahre Kissen und Sitzbezüge nach seinen Vorlagen aus. Elsa Bosshart-Forrer hat die Kissenplatte «Tanz» in Petit-point-Stickerei ausgeführt. Diese ist im Museum für Gestaltung Zürich zu sehen. Was sich auf den Kissen als feine Schraffur ausgibt, sind in Tat und Wahrheit eng gesetzte Rückstiche von stets gleicher Länge, die eine regelmässige Oberflächenstruktur ergeben. Die Petit-point-Stickerei erweist sich in ihrer Dichte als durabel und damit besonders geeignet für Wohntextilien. Im Gegensatz zum Kreuzstich wird beim Petit point wie auch beim halben Kreuzstich der Deckstich weggelassen. Wegen der identischen Vorderansicht werden die beiden Techniken oft gleichgesetzt. Der Unterschied zeigt sich auf der Rückseite, wo beim Petit point der Faden schräg statt senkrecht geführt wird, was sich durch die leicht andere Setzung der Stiche ergibt.

Kirchner werden diese sticktechnischen Finessen vermutlich wenig interessiert haben. Schon in den Wirkereien der Kopten aus spätrömischer Zeit begeisterten ihn vor allem deren Farbigkeit und die gekonnte Umsetzung der Motive. Spürbar war die Wirkung der Zusammenarbeit mit den stickfertigen Frauen beziehungsweise der Wirkerin Lise Gujer aber in seiner Malerei, schreibt er doch in seinem Tagebuch: «[…] Wie frei kann man die Formen umsetzen. Ich sehe eine neue Art zu malen möglich werden. Mit freien Flächen, worauf ich schon immer zusteuerte. Die Weberei und Stickerei lösen diese Art aus.»

«Collection Highlights»
Museum für Gestaltung Zürich, Ausstellungsstrasse 60, Zürich
Dienstag–Sonntag 10–17 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr
www.museum-gestaltung.ch
In dieser Rubrik stellen Expertinnen und Experten der ZHdK zentrale Begriffe aus dem Kunst- und Kulturgeschehen aus ihrer Sicht vor. Das stetig wachsende Glossar ist zu finden auf: zett.zhdk.ch/was-ist
Sabine Flaschberger (sabine.flaschberger@zhdk.ch) ist Kuratorin der Kunstgewerbesammlung des Museum für Gestaltung Zürich.