Die Vermessung der Hand

Spezialisierte Geräte und Vergleichsdaten aus mehr als fünfzig Jahren machen die Messungen im Handlabor zu einem einzigartigen wissenschaftlichen Verfahren. Foto: Lee Li | Photography

Ein Blick ins Handlabor der ZHdK

Verspannter Nacken, Verdacht auf Karpaltunnelsyndrom oder Sehnenscheidenentzündung: Musikerinnen und Musiker leiden häufig an Schmerzen, die ihnen die tägliche Arbeit am Instrument erschweren. Das Handlabor der ZHdK leistet durch Prävention, Diagnostik und Behandlung einen wichtigen Beitrag zur beschwerdefreien Ausübung der Arbeit, ob im Studium, im Orchester oder im Büro.

VON HORST HILDEBRANDT
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Die Hände bewegen sich hin zur Tastatur des Klaviers oder des Computers, die Ellenbogen heben sich unbewusst seitlich etwas an – und bereits nach wenigen Minuten beginnt das schmerzhafte Ziehen im Schulter- und Nackenbereich, und die Oberarme versteifen sich. Solche Kompensationsbewegungen sind sehr häufig und führen oft zu phasenweise auftretenden oder sogar chronischen Beschwerden. Um diesen Berufskrankheiten vorzubeugen und um Haltungen und Bewegungen individuell zu optimieren, bietet das Handlabor der ZHdK seit 2010 ergonomische Beratungen und Workshops an Musikinstrumenten und Büroarbeitsplätzen an.

Über hundert Handeigenschaften
Da sich Hände und Arme in Form, Reichweite, Kraft und Beweglichkeit von Mensch zu Mensch stark unterscheiden, liefert eine individuelle Beratung wichtige Hinweise zur Behandlung berufsspezifischer Beschwerden. Das Handlabor führt eine wissenschaftlich fundierte Betrachtung der Hände und der Arme durch. Das angewendete Messverfahren für die biomechanische Untersuchung der Musikerhand geht auf den Arzt und Musiker Christoph Wagner zurück. Er entwickelte es ab 1964 am Max-Planck-Institut für Arbeitsphysiologie in Dortmund. Mittlerweile können über hundert instrumentenspezifische Handeigenschaften erfasst werden. Sie umfassen Kategorien wie etwa Handform und -grösse, aktive Beweglichkeit, passive Beweglichkeit und Kraft. Die eigens für das Handlabor entwickelten Geräte und die Möglichkeit, Daten aus mehr als fünfzig Jahren miteinander zu vergleichen, machen die Messungen im Handlabor zu einem bis heute einzigartigen wissenschaftlichen Verfahren. Die sogenannte passive Beweglichkeit der Hand als Mass für die Flexibilität und die Leichtigkeit von Bewegungen kann dank des spezialisierten Messinstrumentariums differenziert erfasst werden.

Hilfestellung durch ein individuelles Handprofil
Beschwerden beim Musizieren, Fragen zur Spielhaltung und zu Trainingsmöglichkeiten führen Musikerinnen ins Handlabor. Nach Beratung und Messungen wird auf Basis der computerbasierten Auswertung ein Handprofil erstellt, das die individuellen Werte der Hand im Vergleich zu den Daten professioneller Musiker der entsprechenden Instrumentengruppe zeigt. So können Vorzüge und Begrenzungen der einzelnen Hände und Arme aufgezeigt und Hilfestellungen für die Arbeit in verschiedenen Körperpositionen zum Beispiel an Tasteninstrumenten und Tastaturen, Streichinstrumenten, Akkordeon und Schlagzeug erarbeitet werden. Je nach Beschwerdebild können beispielsweise Hilfsmittel wie eine individuell geformte Schulterstütze oder ein vielfach verstellbarer Kinnhalter, eigens vom Handlabor und der Firma Wittner entwickelt, Erleichterung bringen. Bei Blasinstrumenten wie Klarinette oder Oboe bringt eine individuell geformte und verstellbare Daumenstütze in Kombination mit Kräftigungsübungen für den Daumen Entlastung. Und an der Gitarre helfen optimierte Sitzpositionen und Instrumentenstützen.

Jede Hand ist anders
Wie gross die individuellen Unterschiede sein können, zeigt ein Blick in die Datenbank des Handlabors. So variiert die aktive Spreizfähigkeit zwischen Mittel- und Ringfinger bei professionellen Pianisten von lediglich 4,2 Zentimetern beim kleinsten gemessenen Wert bis hin zu 11,2 Zentimetern. Diese Zahl ist relevant für den Fingersatz und bestimmt mit, welches Repertoire und welche Übungsintensität geeignet sind. Auch bei der seitlichen Beweglichkeit des Handgelenks zur Kleinfingerseite hin gibt es Unterschiede von fast 40 Grad. Dieser Wert gibt wichtige Hinweise zur Ökonomie der Bewegungen auf Tastaturen. Der kleinste gemessene Wert beträgt 18, der grösste 56 Grad. Grosse Unterschiede bestehen auch bei der Fähigkeit, den Unterarm mit Leichtigkeit nach innen zu drehen: 105 Grad liegen zwischen den gemessenen Werten. Beim kleinsten Wert von 5 Grad kann der Unterarm aus einer Stellung mit dem Daumen nach oben kaum ohne Anstrengung in Richtung Tastatur gedreht werden. Dies führt oft zu Verspannungen in der Muskulatur von Oberarmen, Schultern und Nacken. Für Personen mit einem kleinen Winkelgrad, die oft an Klavier- oder Computertastaturen arbeiten, gibt es aber gute Neuigkeiten: Bereits eine geringe Schrägstellung der Hand zum kleinen Finger hin abwärts erlaubt Oberarmen und Ellenbogen eine entspanntere Position und erleichtert die tägliche Arbeit, ob im Studium, im Orchester oder im Büro.

Das Zürcher Zentrum Musikerhand (ZZM), das Handlabor der ZHdK, gehört zum Bereich Musikphysiologie/Musik- und Präventivmedizin der ZHdK und ist dem Forschungsschwerpunkt Musikalische Interpretation angegliedert. Es wird von Horst Hildebrandt, Oliver Margulies und Marta Nemcova geführt und bietet neben der laufenden Grundlagenforschung an Musikerhänden Beratungen auf Basis einer biomechanischen Untersuchung der Musikerhand an. Messung und Beratung sind für Angehörige der ZHdK kostenlos und stehen auch externen Personen offen.
Prof. Dr. Horst Hildebrandt (horst.hildebrandt@zhdk.ch) ist Leiter des Bereichs Musikphysiologie/Musik- und Präventivmedizin am DMU der ZHdK.