Objects of Desire

Eine Handwerkerin im konzeptionellen Sinn: Swetlana Heger-Davis. Foto: Regula Bearth © ZHdK

Swetlana Heger-Davis über Handwerk und Kunst

Beide erschaffen sie Objekte der Begierde: der Handwerker und die Künstlerin. Oft arbeiten sie auch eng zusammen. Swetlana Heger-Davis, Direktorin des Departements Kunst & Medien der ZHdK, beleuchtet im Interview die vielfältigen Beziehungen zwischen Kunst und Handwerk. Sie schlägt den Bogen von der American Native Art zum Handwerk der Shaker, von der Birkin Bag zur Autolackierwerkstatt.

VON CAROLINE SÜESS

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Caroline Süess: Was ist deine frühste Erinnerung in Zusammenhang mit Handwerk?
Swetlana Heger-Davis: Meine Grossmutter mütterlicherseits schenkte mir eine Puppe, ich muss ungefähr vier gewesen sein. Für diese Puppe nähte sie Kleider mit Knöpfen und Borten. Ich sass dabei und war fasziniert davon, wie etwas aus verschiedenen Materialien durch die Hände entsteht.

Im Handwerk und in der Kunst gibt es viele Parallelen, etwa in den Prozessen, der Ästhetik und der Logistik.

Was ist dein Handwerk?
Als Künstlerin bin ich keine Handwerkerin im klassischen Sinn, aber im konzeptuellen. Ich stelle keine industriellen Erzeugnisse her, sondern Unikate mit Unperfektheiten, Eigenarten und etwas Persönlichem. Im Handwerk und in der Kunst gibt es viele Parallelen, etwa in den Prozessen, der Ästhetik und der Logistik. Viele Kunstwerke entstehen in Auftragsarbeit, zum Beispiel für Museen. Dies ist wie beim Schreiner, der einen Schrank in Auftrag hat, oder bei einer Schneiderin, die ein Kleid für eine Kundin näht. Als Direktorin des Departements Kunst & Medien bin ich eine Managerin, die Wissen, Intuition, Spontaneität und Kreativität beim Problemlösen kombiniert.

Mit welchen Materialien umgibst du dich gerne?
Mit Holz. Ein guter Stuhl aus gutem Holz ist etwas Wunderbares. Aber ich mag auch neue, «digitale» Materialien sehr gerne, zum Beispiel Nanotextilien, die auf Licht reagieren. In der Lounge des Museum für Gestaltung Zürich an der Ausstellungsstrasse habe ich einen skulpturalen Vorhangstoff gesehen, der aussieht wie aus Stein.

Wenn du dich entscheiden müsstest: lieber ein neues, fiktives Bild von van Gogh, vom Computer mithilfe künstlicher Intelligenz gemalt, oder einen van Gogh aus Shenzhen, wie sie im Film «China’s van Goghs» gezeigt werden?
Ich wähle das digitale Bild. Die Kopie interessiert mich nicht. Mich interessiert die neue Technologie, es ist spannend, darüber nachzudenken.

Autonomie ist ein wichtiger Begriff in Richard Sennetts Buch «Handwerk». Inwiefern gehört Autonomie zum Handwerk?
Handwerk ist etwas Autonomes, das von einer persönlichen Idee ausgeht. Es gibt zwei Ebenen: die laienhafte und die professionelle. Das Laienhafte findet in der Freizeit statt, es gibt keine Regeln, dafür mehr Freiheiten, Auftraggeber und Autor sind identisch. Im Professionellen gibt es Regeln. Es geht um eine Einzelanfertigung, darum, etwas Originelles zu schaffen. Es gibt einen Auftraggeber: den Kunden. Ein Beispiel: Als Laie kann ich einen Pullover stricken, der einen roten und einen blauen Ärmel hat, einfach, weil ich es so will. Im professionellen Bereich funktioniert das nicht, wenn der Kunde zwei blaue Ärmel wünscht.

Es ist eine romantische Auffassung, dass man als Künstlerin alles selbst mache.

Im Kontext der zeitgenössischen Kunst ist oft von Autorenschaft die Rede. Wie steht dieses Konzept zu jenem des Handwerks?
In den Künsten spielte die Autorenschaft schon immer eine Rolle – spätestens seit den Medici, die ihre Aufträge an ausgewählte Künstler vergaben. Die Unterschrift bestätigt die Originalität, weist die Autorin oder den Autor aus. Es ist eine romantische Auffassung, dass man als Künstlerin alles selbst mache. Die Unterschrift kann heute als Hinweis auf den Ideengeber, nicht aber auf den Ausführenden verstanden werden. Beim Handwerk spielt der Name keine grosse Rolle, was nicht heisst, dass es nicht Handwerker gibt, die sich einen Namen gemacht haben. Aber ein Handwerksstück kann auch ohne Autor vollkommen sein, man denke an die Shakers: Diese religiöse Gruppe entwickelte Techniken aus der Native American Art weiter und stellte wunderschöne, primitiv anmutende Objekte her, zum Beispiel Körbe mit Nägeln aus Holz. Diese sind heute Sammelstücke.

Erlebt die zeitgenössische Kunst ein Comeback des Handwerklichen?
Das Handwerkliche war schon immer Teil der Kunst, es wird nicht verschwinden, auch wenn das Digitale an Einfluss gewinnt. Um eine Einzelarbeit zu kreieren, greife ich auf verschiedene Medien, Technologien und Handwerke zurück. Ich arbeite sehr oft mit anderen Expertinnen zusammen, mit Schreinern, Glasmacherinnen oder Metallbauern. In Schweden, wo ich die letzten Jahre gelebt habe, gibt es eine sehr lebendige Start-up-Bewegung, die sich auf «customized» und «personalized» Einzelanfertigungen oder limitierte Auflagen spezialisiert hat. Hier sehe ich Parallelen zur Schweiz: Qualität ist wichtig, und man investiert gerne in etwas Dauerhaftes.

An einer Kunsthochschule soll auch vermittelt werden, wie man mit Handwerkerinnen und Handwerkern zusammenarbeitet.

Wo an der ZHdK kann man Handwerkerinnen bei der Arbeit beobachten?
In den Werkstätten! Aber auch im Tanz oder in der Musik. Die Arbeitsorte der visuellen Künstlerinnen und Künstler gleichen hingegen mehr Labors als Werkstätten.

Welcher Typus ist an einer Kunsthochschule ebenso wichtig wie der Handwerker?
Die Denkerin – beide sind gleich wichtig. Es gibt die Idee und die Umsetzung derselben, aber Letztere muss nicht immer vom Künstler selbst stammen. Wir können nicht Experten in allem sein. Früher habe ich alles selbst gemacht – man lernt viel dabei, aber man scheitert halt auch oft. Es ist schön, wenn man sich Unterstützung leisten kann.

Was soll eine Kunsthochschule den Studierenden in Bezug auf Handwerk vermitteln?
Drei Sachen: die Basis eines Handwerks, Materialkunde und das Netzwerk. Als Künstlerin verwendet man oft Verfahren, die nichts mit klassischen künstlerischen Techniken zu tun haben. Dazu arbeitet man mit Handwerkern zusammen, mit Autolackierern oder Werbeschildspezialistinnen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass diese sich sehr gerne auf künstlerische Projekte einlassen. An einer Kunsthochschule soll auch vermittelt werden, wie man mit Handwerkerinnen und Handwerkern zusammenarbeitet.
Eine handwerkliche Aufgabe, die ich meinen Studierenden sehr oft gestellt habe, ist, ein fertiges Kunstwerk zu analysieren. Wie würden sie vorgehen, um es zu reproduzieren? Dabei lernen sie sehr viel.

Ein einzeln angefertigtes Objekt hat seinen berechtigten Preis. Trotzdem geben die meisten Leute eher Geld für eine Tasche aus als für ein Kunstwerk.

Die Grundlage eines Handwerks war schon immer ein Markt. Gilt das auch für die Kunst?
Zwischen Kunst und Handwerk gibt es viele Parallelen. Man denke an die Geschichte des Porzellans aus China oder der holländischen Tulpen: Das waren Währungen. Man erzeugt ein Luxusgut – das ist Kunst auch – und eröffnet sich damit einen Markt. Die Preise für Kunst mögen erstaunen, die für eine Birkin Bag von Hermès auch. Doch wenn man weiss, wie diese von verschiedenen Arbeiterinnen in vielen Stunden Handarbeit und mit grosser Liebe zum Detail hergestellt wird, versteht man den Preis. Dies gilt auch für die Kunst. Ein einzeln angefertigtes Objekt hat seinen berechtigten Preis. Trotzdem geben die meisten Leute eher Geld für eine Tasche aus als für ein Kunstwerk. Die Tasche sehen sie wohl eher als Anlage. Letztlich geht es um «Objects of Desire» – so auch der Titel einer meiner frühen Arbeiten.

Worum ging es dabei?
Es war eine Auftragsarbeit für ein Museum: eine lackierte Holzplattform, die man während der Dauer der Ausstellung mieten konnte. Aus den Einnahmen kaufte ich Objekte – Möbel und Kunstwerke – von Freundinnen und Freunden. Eigentlich wollte ich sie für mich, für mein Zuhause – aber schliesslich kaufte jemand meine gesamte Arbeit «Objects of Desire». Das wäre eigentlich auch ein guter Titel für dieses Interview.

Prof. Swetlana Heger-Davis (swetlana.heger-davis@zhdk.ch) ist Direktorin des Departements Kunst & Medien der ZHdK. Die im tschechischen Brünn geborene und in Bregenz aufgewachsene Künstlerin hat ihre Werke weltweit in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt. Swetlana Heger-Davis studierte an der Universität für angewandte Kunst Wien und der Musashino Art University in Tokio. Bis 2017 war sie Rektorin der Umeå Academy of Fine Arts, Schweden.
Caroline Süess (caroline.sueess@zhdk.ch) ist Leiterin PR und Medien in der Hochschulkommunikation der ZHdK. Ihr Handwerk lernte sie in einer verrauchten Ostschweizer Zeitungsredaktion in 5000 Stunden.