Protest-Selfie?

Mit einem Protest-Selfie unterstützt Model Cara Delevingne die Protestbewegung #bringbackourgirls auf Instagram. Foto: Instagram, @caradelevingne

Michelle Akanji, was ist ein Protest-Selfie?

Das Protest-Selfie ist ein Selbstporträt mit einer handgeschriebenen politischen Nachricht, das sich mit vielen anderen der gleichen Art in sozialen Netzwerken zu einem Selfie-Protest zusammenfügt. Eine solche Bewegung funktioniert über Einzelbilder, die dasselbe Hashtag verwenden und so einen virtuellen Schwarm bilden. Die Partizipationskultur in den sozialen Medien ermöglicht deren globale Verbreitung. Nicht zu verwechseln ist das Protest-Selfie mit Selbstporträts bei real stattfindenden Demonstrationen. Es geht beim Protest-Selfie nicht um die Dokumentation der eigenen Protest-Partizipation, sondern vielmehr um die Verwendung des Selfies als Mittel zum Protest. Der Körper der Protestierenden steht dabei voll im Zentrum, nicht auf der Strasse, sondern in der grösstmöglichen Öffentlichkeit – im Internet. Die Protestierenden greifen hierbei auf gesellschaftlich verankerte Bildgenres zurück: Die Schilder, die sie vor die Kamera halten, erinnern an das Emporhalten von selbstgemachten Transparenten auf Demonstrationen.

Der Selfie-Protest #bringbackourgirls für die Freilassung der von der islamistischen Gruppierung Boko Haram im Norden Nigerias entführten Mädchen gehört zu den bisher breitenwirksamsten Selfie-Protesten, weil er im Vergleich zu anderen Online-Protesten von Beginn an entlokalisiert funktioniert hat. Das Hashtag wurde eins zu eins von den Parolen der Strassenproteste in Nigeria übernommen und weltweit vervielfacht. Die Selbstporträts werden so zur öffentlichen Darstellung einer Identifizierung mit den Betroffenen.

Der publizierte Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch «Protest. Eine Zukunftspraxis». Es ist im Rahmen der Ausstellung «Protest! Widerstand im Plakat» im Museum für Gestaltung Zürich auf Deutsch und Englisch erschienen. Der Themenband wurde von Studierenden der Kulturpublizistik und der Visuellen Kommunikation entwickelt und umgesetzt. Begleitet wurden sie dabei von den Dozenten Basil Rogger, Jonas Voegeli und Ruedi Widmer. Das Buch ist bei Lars Müller Publishers erhältlich.

Michelle Akanji: Protest-Selfie. Zwischen Selbstdarstellung und Protest-Identität. In: Museum für Gestaltung Zürich (Hg.): Protest. Eine Zukunftspraxis / Protest. The Aesthetics of Resistance. Zürich: Lars Müller Publishers. S. 176–177.

Protest! Widerstand im Plakat
bis Sonntag, 2. September 2018
Museum für Gestaltung Zürich, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Dienstag–Sonntag 10–17 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr
www.museum-gestaltung.ch
Michelle Akanji (michelle.akanji@zhdk.ch) studiert Kulturpublizistik im Master Art Education. An der Diplomausstellung der ZHdK vom 8. bis 20. Juni 2018 ist ihre Abschlussarbeit zu hören: ein Gespräch mit ihrem Vater über ihre gemeinsame Geschichte, die geprägt ist von einer Migrationserfahrung.