Was hinter der Leichtigkeit steckt

Trainingsvorbereitung an der Tanz Akademie Zürich. Foto: © taZ

Was 1832 mit der Uraufführung des Balletts «La Sylphide» seinen Anfang nahm, gehört bis heute zum Training angehender Ballerinen: der Spitzentanz. Auch an der Tanz Akademie Zürich wird die fordernde Fussarbeit Tag für Tag gelehrt und gelernt.

VON JUDITH HUNGER

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«Die Arbeit auf Spitze ist höchst anspruchsvoll und bedarf sehr guter Schulung, Geduld und Disziplin. Es dauert lange, bis die Leichtigkeit sichtbar wird», sagt Steffi Scherzer, künstlerische Leiterin der Tanz Akademie Zürich (taZ). Sie weiss, wovon sie redet. Ihre Karriere – von der Gruppentänzerin bis hin zur Primaballerina – hat 28 Jahre gedauert. «Die Schülerinnen brauchen einige Zeit, bis sie das geeignete Spitzenschuhmodell gefunden haben. Es ist ein ständiges Ausprobieren», fügt Tina Goldin an. Sie ist Dozentin für Klassischen Tanz und Spitzentanz an der taZ. Zudem wird der Spitzenschuh individuell angepasst, mögliche Druckstellen werden vorsorglich weichgeklopft, Gummibänder angenäht oder die Sohle bearbeitet. Das kann gut und gerne eine Stunde Zeit in Anspruch nehmen. Nicht selten bereiten Ballerinen mehr als ein Paar Spitzenschuhe pro Vorstellung vor. Es kann durchaus sein, dass die Tänzerin zwischen den Szenen den Schuh wechseln muss.

Eine neue Rolle für den Fuss
Es war die legendäre Marie Taglioni, die 1832 in Paris erstmals eine ganze Aufführung auf den Zehenspitzen tanzte. Die fortan «Primaballerina» Genannte gab damit der Figur der Luftfee – Sylphide – eine neue Art von Körper- und Schwerelosigkeit. Zudem trug Marie Taglioni im gleichnamigen Ballett zum ersten Mal ein Tutu – ein «romantisches» Tutu, wie es im Fachjargon heisst. Eine weitere Sensation: Bis zu diesem Zeitpunkt tanzten die Ballerinen in Reifröcken. Stein des Anstosses war die Länge – oder vielmehr die Kürze – des Tutus. Es reichte bis etwa Mitte der Wade, um den freien Blick auf die Fussarbeit der Ballerina zu gewähren. Dem Fuss der Tänzerin fiel somit eine neue Rolle zu: Er wurde zu einem Bestandteil des tänzerisch-künstlerischen Ausdrucks. 

Der Spitzenschuh muss Teil des Körpers werden. Foto: © taZ

Zahllose Tricks zur Fusspflege
Aus medizinischer Sicht erhält der Fuss einer Ballerina im Spitzentanz eine neue Funktion. Sie steht auf dem «gestreckten» Fuss – ein kleiner Evolutionsschritt, könnte man sagen. Das Gewicht des Körpers wird in der mit mehreren Stoffschichten verleimten Kappe des Spitzenschuhs auf kleinster Fläche balanciert. Um professionell und sicher mit Spitzenschuhen tanzen zu können, müssen die Füsse unter fachkundiger Leitung über mehrere Jahre hinweg durch ein ganz bestimmtes Training gestärkt werden.

Die derart beanspruchten Füsse bedürfen intensiver Pflege. Die Schülerinnen der taZ massieren sie mit Gummibällen, polstern die Spitzenschuhe aus, kleben und binden die Zehen mit Spezialband ein. Ausgiebiges Eincremen, damit die Haut möglichst weich und elastisch bleibt, gehört ebenso zum Tagesritual wie die Stärkung der Füsse durch spezielle Übungen mit dem Thera-Band. Kurzum, die Liste der Tricks und Kniffs in Sachen Fusspflege für Ballerinen ist so lange und so individuell, wie es unterschiedliche Füsse gibt.

Beweglichkeit ist Voraussetzung
«Und hochrollen! Stabil über der Spitze stehen! Arme hoch! Halten die Balance!», so ungefähr lauten die Anweisungen von Tina Goldin im Grundstudium. «Wir beginnen mit einfachsten Übungen an der Stange, die auf dieser Stufe in erster Linie dem Kraftaufbau dienen», erläutert sie. Die einzelnen Elemente sind noch klar voneinander getrennt. «Zudem soll der Fuss eine gewisse Elastizität behalten», ergänzt Steffi Scherzer. Eine von Natur gegebene Beweglichkeit und Flexibilität der Füsse wie auch des gesamten Körpers ist Voraussetzung. «Denn Beweglichkeit können wir zwar unterstützen und fördern, aber nicht erzeugen. Sie ist Voraussetzung für den klassisch akademischen Tanz.»

Was einfach beginnt, endet höchst anspruchsvoll. In den oberen Klassen geht es um Schnelligkeit und darum, die unterschiedlichen Dynamiken zu meistern und die einzelnen Elemente virtuos zu verbinden – das Weiche und Ausdrucksstarke im Adagio wie auch das Schnelle und Spritzige im Allegro. Auf dieser Stufe darf der Spitzenschuh kein Fremdkörper mehr sein, er ist Teil des Fusses, des Beines, des gesamten Körpers geworden.

Im Alter von elf Jahren beginnen die jungen Mädchen an der taZ mit Spitzentraining. Was mit zweimal wöchentlich 45 Minuten seinen Anfang nimmt, endet im Hauptstudium mit 90 Minuten täglichen Unterrichts in Spitzenschuhen. Hinzu kommen Proben und Wettbewerbs-vorbereitungen. Zu Spitzenzeiten bedeutet dies bis zu drei Stunden pro Tag in Spitzenschuhen. «The making of a ballet shoe» auf YouTube schauen 
 Judith Hunger (judith.hunger@zhdk.ch), Kommunikationsverantwortliche Departement Darstellende Künste und Film, zitiert an dieser Stelle Kafka: «Die Kunst hat das Handwerk nötiger als das Handwerk die Kunst.»