Brücke vom Materiellen zum Ideellen

Figuren, die in einem Workshop mit abchasischen Kindern am Tskaltubo Art Festival in Georgien entstanden sind. Fotos: Maja Leo © artasfoundation.

Die Kulturgeografin und ZHdK-Dozentin Dagmar Reichert ist Mitbegründerin von artasfoundation, der Schweizer Stiftung für Kunst in Konfliktregionen. In vielen dieser Regionen ist das Kunstverständnis stark vom Handwerk geprägt – und damit weit weg davon, was an Kunsthochschulen wie der ZHdK derzeit den Kunstdiskurs ausmacht. Eine von artasfoundation und der ZHdK angebotene Weiterbildung arbeitet deshalb mit dem Begriff der «ästhetischen Erfahrung». Ein Interview von ANNINA MARIA JAGGY.
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Annina Maria Jaggy: Wie würdest du die Begriffe «Kunst» und «Handwerk» bezüglich eurer Zusammenarbeit mit Menschen in Konfliktregionen verorten?
Dagmar Reichert: An der ZHdK und in weiten Teilen der westlichen Welt dominiert die Auffassung, dass Kunst und Handwerk zwei verschiedene Tätigkeiten sind, die unterschiedliche Funktionen in der Gesellschaft einnehmen und divergierende Berufsfelder hervorbringen. Wir können jedoch nicht einfach davon ausgehen, dass man dies überall so sieht. Im Rahmen unseres Weiterbildungsangebots CAS Arts and International Cooperation sensibilisieren sich die Teilnehmenden in Hinblick auf ihre Arbeit in Konfliktregionen für solche kulturellen Unterschiede.

Wie kommt es, dass uns die Unterscheidung zwischen Handwerk und Kunst oft so selbstverständlich erscheint?
In der Geschichte Europas ist sie schon alt. Die Trennung von Handwerk und Kunst entstand im Zusammenhang mit der mittelalterlichen Hofkunst. Durch Anstellungen bei Adligen und Päpsten konnten sich einzelne Handwerker aus den Zünften und deren strikten Regeln befreien.

Aber nicht überall auf der Welt ist die geschichtliche Entwicklung so verlaufen.
Überhaupt nicht, deshalb ist es für die internationale Zusammenarbeit wichtig, künstlerische Arbeit so zu fassen, dass die Definition auch für andere Kulturen angemessen ist. In meiner Arbeit bei artasfoundation versuche ich von einem Kunstbegriff auszugehen, der, so meine ich, in allen Regionen der Welt produktiv verwendet werden kann: Kunst hat etwas mit ästhetischer Erfahrung zu tun – das ist für mich der zentrale Begriff.

Das heisst, es spielt keine Rolle, durch welche Kultur man geprägt ist – so lange man Dinge oder Ereignisse auf ästhetische Weise betrachtet, kann Kunst entstehen?
Ja. Sicher bleibt dann noch die Frage, wer sich in einer Gesellschaft einen solchen ästhetischen Zugang zur Welt in welchem Ausmass leisten kann, wer von Alltagsnotwendigkeiten genügend absehen kann, um ästhetische Erfahrungen zu machen. Ich glaube, dass alle Kinder, egal, wo sie aufwachsen, das Potenzial in sich tragen, solche Erfahrungen zu machen. Wahrscheinlich ist dies für ihr Lernen auch notwendig. Leider wird es ihnen aber vielerorts schon früh abgewöhnt oder die Lebensumstände lassen es nicht zu. Aber wenn Kunstschaffende Kinder dazu einladen, geht diese «Tür zur Welt» rasch wieder auf: Im Rahmen des Tskaltubo Art Festival in Georgien zum Beispiel haben 12- bis 13-Jährige, die in schwierigen Verhältnissen aufwachsen und in der Schule eher zum Nachahmen vorgegebener Normen angehalten werden, in einem Workshop aus gefundenen Materialien ganz frei kleine Figuren entworfen (siehe Fotos). Dies hat ihnen viel Freude gemacht, und sie waren wohl selbst überrascht von ihren Werken. In solchen Workshops verbinden sie sich wieder mit ihren eigenen Fähigkeiten und schlagen eine Brücke vom Materiellen zum Ideellen: Vielleicht kann dies dazu beitragen, dass Menschen in von Krieg oder ökonomischem Zusammenbruch geprägten Regionen für das eigene Leben neue Möglichkeiten sehen.

Inwiefern ist eure Arbeit und euer Engagement politisch?
Kunst ist politisch, weil sie Mut zu eigenen Sichtweisen und Interpretationen machen kann. Hier liegt Potenzial für gesellschaftliche Veränderung. Das ist gerade in Wiederaufbauphasen nach kriegerischen Konflikten nötig, wenn es gilt, die Beziehungen zwischen den Menschen wiederherzustellen und gemeinsam neue Formen des Zusammenlebens auszuhandeln. Daneben – das ist gängige Praxis – kann künstlerische Arbeit auf einer individuellen Ebene zur Bewältigung traumatischer Erfahrungen beitragen.

Kannst du uns von einer konkreten Zusammenarbeit in einer Konfliktregion erzählen?
Wir arbeiten zum Beispiel in der Region Abchasien im Südkaukasus, die unter einem ungelösten politischen Konflikt leidet und noch stark von ihrer sowjetischen Vergangenheit geprägt ist. In Projekten mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Menschen ohne künstlerischen Hintergrund und auch mit Kindern schaffen wir mit Partnern vor Ort Freiräume für Kunst, für ästhetische Erfahrung. Im Rahmen des letzten Weiterbildungskurses CAS Arts and International Cooperation haben wir in Abchasien mehrere solcher Projekte und Projektpartner besucht und gemeinsam mit ihnen verschiedene Möglichkeiten der Weiterführung der Projekte diskutiert. Ob solche Freiräume für ästhetische Erfahrung in unserem Sinn «handwerklich» oder «künstlerisch» geprägt sind, ist dabei zweitrangig. Wichtig ist die Einladung zu ästhetischer Erfahrung.

Wer Interesse an internationaler Zusammenarbeit hat und den Austausch in Kunstprojekten über politische Grenzen hinweg sucht, ist in dieser Weiterbildung genau richtig. Die nächste Durchführung startet im Februar 2019. Anmeldeschluss: 31. Oktober 2018. Alle Informationen unter www.zhdk.ch/cas-arts-and-international-cooperation.
Annina Maria Jaggy (annina.jaggy@zhdk.ch) ist Kommunikationsverantwortliche der Weiterbildung der ZHdK.