Die Entdeckung des Weniger

Morgenstimmung im Schlafwaggon. Foto: Bejamin FreyZwischenstopp auf einer langen Reise.Begegnung mit einer ukrainischen Familie.Auf der Fähre von Wladiwostok nach Sakaiminato.Unterwegs in Kioto.

Benjamin Frey reiste mit der Transsibirischen Eisenbahn nach Kyoto

Kunst-&-Medien-Student und Künstler Benjamin Frey reiste auf dem Land- und Wasserweg von Zürich nach Kyoto, um dort ein Semester an der Kyoto University of Art and Design zu studieren. CAROLINE SÜESS hat ihn zu verschiedenen Aspekten des Weniger befragt.
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Caroline Süess: Nach Japan fliegt man üblicherweise zwanzig Stunden. Warum hast du dich für eine zehntägige Reise auf dem Land- und Wasserweg entschieden?
Benjamin Frey: Primär, weil ich Flugreisen nicht mit meinem Gewissen vereinbaren kann. Auch sah ich die Chance, auf diesem Reiseweg ein besseres Gefühl für die Distanz und eine grössere Wertschätzung für meine Destination zu gewinnen.

Die Atmosphäre in der Transsibirischen in drei Stichworten?
Begegnungen, Überraschungen, Abenteuer.

Warst du offline?
Selbstverständlich.

Womit hast du die Tage verbracht?
Ich hatte Hörbücher dabei, wollte lesen, schreiben und Japanischvokabeln büffeln. Gekommen bin ich aber nur zu Letzterem. Die vielen Eindrücke waren erfüllend genug.

Was wurde auf der Reise weniger?
Das Zeitgefühl.

Was wurde mehr?
Die Bindung zu den Mitreisenden. Zusammen eine Woche in einem Zug zu stecken, schweisst schon zusammen.

Was beschäftigte deine Mitreisenden?
Ich traf oft auf russischsprachige Menschen aus der Ukraine. Der Ukrainekonflikt war da schon ein Gesprächsthema.

Was war das Anstrengendste auf deiner Reise?
Mit Sicherheit die kleinen Kinder. Ich habe sonst selten mit Kindern zu tun. Doch ich wurde auf dieser Reise etwas für den Umgang mit ihnen sensibilisiert und lernte, mit ihrem Verhalten – beispielsweise dem häufigen Geschrei – umzugehen.

Hat dir die Reise Stoff für deine künstlerische Arbeit geliefert?
Neben dem Erlebnis an sich waren die Geräusche total inspirierend. Die ganze Reise war ein Zusammenspiel aus Klängen. Beispielsweise hielt der Zug mitten in der Nacht plötzlich an, und man schien in der Stille zu schweben.

Wie war es, in Wladiwostok das Schiff nach Sakaiminato zu betreten?
Es herrschte Aufbruchstimmung, und es fühlte sich surreal an, tatsächlich bald anzukommen.

Wie hast du deine Ankunft in der Metropole Kyoto erlebt?
Ich kam per Autostopp vor Mitternacht an. Obwohl ich mich in Kyoto und Japan schon etwas auskannte, war es wieder dieselbe Reizüberflutung wie bei früheren Reisen. Bei der Ankunft fühlt man sich fremd und unbeholfen.

Könnte man Japan als Land bezeichnen, in dem die Kultivierung des Weniger eine lange Tradition hat?
Im historischen Kern trifft dies durchaus zu. In der modernen Gesellschaft ist es aber nur noch in Feinheiten erkennbar. Leider regieren auch hier Überfluss, Konsumterror und die Wegwerfgesellschaft. Auf manche Neuankömmlinge mögen die üppigen Eindrücke berauschend wirken – ich empfinde sie jedoch als ermüdend, vor allem auf lange Sicht.

Was gibt es weniger in Japan als in der Schweiz?
Eindeutig Platz. Was die Menschen hier alles in einem einzelnen Zimmer unterbringen können, ist schon erstaunlich.

Wovon gibt es zu viel?
Beziehungsdefinitionen. Ich verarbeite das Thema gerade in einem Projekt.

Welche japanische Eigenart möchtest du in deinen Schweizer Alltag integrieren?
Vor dem Essen faltet man die Hände und sagt: «Itadakimasu», wörtlich: «Ich empfange demütig.» Man würdigt dabei die Taten und Umstände, die zu dieser Mahlzeit geführt haben.

Benjamin Frey studiert im Bachelor Kunst & Medien der ZHdK. Seit fünf Jahren berichtet er auf einem Blog über seine Erlebnisse in Japan: www.gfischtjapan.wordpress.com
Caroline Süess (caroline.sueess@zhdk.ch) ist Leiterin PR und Medien in der Hochschulkommunikation der ZHdK. Ihren ersten Reiseführer erhielt sie in reiseunmündigem Alter zu Japan, mit der Transsibirischen schaffte sie es später nur bis nach Jekaterinburg.