«Der Film hat bei uns gewohnt»

Anna Schinz im Filmstudio der ZHdK in fremden Filmkulissen. Für «Facing Mecca» hat die Schauspielerin zusammen mit Jan-Eric Mack ihr erstes Drehbuch geschrieben. Foto: Betty Fleck.

Man kennt sie aus dem «Tatort», dem Kinofilm «Heidi», der TV-Serie «Wilder» oder dem SRF-Zweiteiler «Private Banking»: Die ZHdK-Absolventin Anna Schinz hat sich als Schauspielerin bereits einen Namen gemacht. Für «Facing Mecca» hat sie gemeinsam mit Partner und Regisseur Jan-Eric Mack ihr erstes Drehbuch geschrieben. Der ZHdK-Abschlussfilm hat es auf die Shortlist der Oscars geschafft. Ein Making-of-Interview von ISABELLE VLOEMANS.

Isabelle Vloemans: Wie ist es, gemeinsam ein Drehbuch zu schreiben?
Anna Schinz: Weil Jani und ich ein Paar sind und zusammenleben, gab es ein Jahr lang kein Entkommen. Der Film hat sozusagen bei uns gewohnt, wir haben zusammen die Nächte durchgearbeitet. Eine enorm tolle, aber auch schlaflose Zeit.

Die Dialoge wirken sehr authentisch – wie habt ihr das geschafft?
Wir haben uns wieder und wieder die Fragen gestellt: «Wer ist diese Figur?» und «Wie spricht sie?». Weil ich Schauspielerin bin, will ich das Geschriebene immer gleich spielerisch ausprobieren. Mich interessieren dabei die Zwischentöne, das, was unausgesprochen bleibt. Nicht alles muss verbalisiert werden, wenn man es eigentlich auch spielen kann. (macht eine Pause) Es hat auch radikale Entscheidungen gebraucht: So wollten wir die Geschichte zuerst aus der Perspektive des Asylsuchenden erzählen. Doch irgendwann haben wir gemerkt, dass es so nicht funktionieren wird. Also haben wir beschlossen, unser Flüchtlingsdrama aus der Perspektive des Helfers zu erzählen. Etwas, was bisher noch nicht oft gemacht worden ist.

«Facing Mecca» ist nach einer wahren Geschichte erzählt. Wie habt ihr diese gefunden?
Meine Mutter hat uns die Geschichte erzählt. Wir erkannten sofort ihr filmisches Potential: Sie ist tragikomisch und handelt im Kleinen von einem grossen, hochrelevanten politischen Thema. Also haben wir mit sehr umfangreichen Recherchen begonnen und insgesamt 13 Stunden Gespräche mit den Menschen aus dem echten Fall aufgezeichnet.

Du warst auch am Casting beteiligt. Wie bist du vorgegangen?
Alle Rollen bis auf die der Kinder und des Bestatters wurden von Nora Leibundgut von Corinna Glaus Casting besetzt. Aber zum Casting gibt es auch die eine oder andere Geschichte zu erzählen. Wir haben zum Beispiel wochenlang nach einem Schauspieler für die Rolle des muslimischen Bestatters gesucht – ohne Erfolg. Eines Abends haben Jani und ich uns einen Dokumentarfilm auf SRF angeschaut, in welchem der muslimische Bestatter Enver Fazliji begleitet wird. Wir wussten sofort: «Der ist es!» Als wir Enver zu einem Gespräch trafen und ihm die Filmgeschichte erzählten, wurde er ganz still und meinte schliesslich: «Das ist eine echte Geschichte.» Es stellte sich heraus, dass er der Bestatter aus dem wahren Fall war!

Wie hast du die beiden Mädchen gefunden, die die geflüchteten Kinder spielen?
Es war mir klar, dass in den Karteien der Castingagenturen wohl sehr wenige bis keine syrischen Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren zu finden sein würden. Zunächst habe ich an Mädchen gedacht, die hier geboren worden sind. Schliesslich habe ich mit einem Übersetzer verschiedene Flüchtlingsheime besucht, da meine bisherige Suche erfolglos gewesen war. Ich war erstaunt, wie erpicht die Eltern darauf waren, dass ihre Kinder in unserem Film mitspielen – bis mir der Übersetzer erklärte, dass der Schauspieler Jay Abdo, der im Film den Vater der Mädchen spielt, in Syrien ein Superstar sei und ihn alle kennenlernen wollten!

Und zwei dieser Kinder waren es schliesslich?
Nein. Eines Morgens hat mir der Übersetzer ein Foto geschickt, auf dem Merav und Saya zu sehen waren. Er hatte sie in einer Asylunterkunft in Bern kennengelernt, sie waren seit zwei Monaten in der Schweiz. Ihre Mutter hat allerdings die Tatsache, dass Jay ein Superstar ist, nicht gross beeindruckt! Weil sie das Thema des Films wichtig findet, hat sie uns jedoch eine Chance gegeben. Wir sind also immer wieder nach Bern gefahren, haben die Mädchen langsam näher kennengelernt und mit der Mutter Filmszene für Filmszene besprochen. Erst als sie sicher sein konnte, dass die Mädchen nichts spielen müssten, was sie belasten könnte, hat sie ihren Segen erteilt. Ich habe alles darangesetzt, dass ihnen der Film in schöner Erinnerung bleiben wird. Wir sind noch immer in Kontakt mit den Kindern und besuchen sie immer wieder.

Nach dem ersten Erfolg als Drehbuchautorin: Wie siehst du deine Zukunft?
Ich bin grundsätzlich Schauspielerin und liebe das Spielen. Aber das schliesst für mich nicht aus, auch als Autorin zu arbeiten. Schreiben ist schon lange meine zweite grosse Leidenschaft. Jani und ich könnten uns auch vorstellen, ein weiteres Buch zusammen zu schreiben. Bedingung dafür ist, dass wir wieder eine Geschichte finden, die uns beide packt. Wir sehen uns zum Glück ja regelmässig – auch ohne gemeinsame Autorenschaft. (lacht)

«Facing Mecca» hat es auf die Shortlist der Oscars geschafft. Wie könnt ihr diesen Erfolg noch toppen?
Auf die Shortlist zu kommen, war eine grosse Anerkennung für alle Beteiligten! Das wissen wir zu schätzen. Jetzt aber werden wir uns an ein neues Buch setzen, um möglichst schnell wieder mit diesem wundervollen Team zusammenarbeiten zu können. Das wäre grossartig!

Anna Schinz (geboren 1987) ist im Zürcher Oberland aufgewachsen und hat ihr Schauspielstudium an der Zürcher Hochschule der Künste 2011 mit dem Master abgeschlossen. Bereits während des Studiums stand sie im Schauspielhaus Zürich, im Theater am Neumarkt und im Theater der Künste auf der Bühne, trat in zwei Langfilmen auf und war in sechs Folgen als Polizistin im Schweizer «Tatort» zu sehen. Sie lebt in Zürich.
Das Kurzdrama handelt von einem Schweizer Pensionär (Peter Freiburghaus), der einem syrischen Flüchtling (Jay Abdo) dabei hilft, seine Frau nach muslimischem Ritus zu begraben. Der Film ist eine Koproduktion von Dschoint Ventschr, SRF und ZHdK.
Isabelle Vloemans (isabelle.vloemans@zhdk.ch) hat einen Lieblingssatz in «Facing Mecca». Er lautet: «Ä Mönsch verschteit das.» Sie ist Projektleiterin in der Hochschulkommunikation der ZHdK und verfasst regelmässig Beiträge für «Zett».