Das Prinzip «Weniger ist mehr» entfaltet in der Musik eine grosse Faszinationskraft. Und besonders in der Musik der Gegenwart gibt es – über alle Stile und Kulturen hinweg – verschiedenste Ansätze der Reduktion künstlerischer Mittel. Das führt etwa zu Werken, bei denen die Wahrnehmung zum Thema wird, aber auch zu Konzepten, bei denen poetische und spirituelle Dimensionen über das rein Klangliche deutlich hinausweisen.

VON JÖRN PETER HIEKEL
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Wenn alles möglich und erlaubt ist, kann es besonders reizvoll sein, sich auf weniges zu beschränken. Das war im Grunde zu allen Zeiten so – denken wir im Kontext der abendländischen Musikgeschichte an so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Joseph Haydn, Franz Schubert, Maurice Ravel, Anton Webern oder Igor Strawinsky: Sie alle entfalteten in bestimmten besonders wichtigen Momenten ihres Schaffens Strategien der Zurücknahme und der bewussten Vermeidung von Komplexität.

Doch auch und gerade die Musik der letzten Jahrzehnte gibt vielerlei Anschauungsmaterial hierfür. Musikstücke verringern die Ereignisdichte, schaffen Erfahrungsräume, die von sparsamer Ausstattung, subtilen Nuancierungen und einem Sinn fürs Elementare bestimmt sind, zum Teil auch von Strategien der Entschleunigung. Dies deutet auf eine recht breite und immer mehr ausdifferenzierte Strömung, die in der Forschung zuweilen mit dem Begriff der Reduktion beschrieben wird. Diese Strömung reicht – und das ist besonders bemerkenswert – über die verschiedenen Stilgrenzen hinweg, berührt ausser komponierter Musik auch Improvisationen sowie sogar den Bereich der Popmusik und erstreckt sich überdies auf Musik unterschiedlichster Regionen der Welt.

Verzicht auf Komplexität eröffnet Erfahrungsräume
Bei der Frage nach den Gründen hierfür gelangt man zu Gedanken und Haltungen, die deutlich über den Musikbereich hinausweisen und etwa auch die Literatur und vor allem die bildenden Künste betreffen. Dass es um eine bestimmte Negation der in Zeiten der Digitalisierung schier unbegrenzten künstlerischen Möglichkeiten geht, liegt auf der Hand. Aber mit Blick auf die so wichtige Dimension der Wahrnehmung geht es oft vor allem um eine besondere Art der Konzentration und Intensität, nicht selten auch um Aspekte spiritueller Erfahrungen.

«Freiwillige Armut» nannte der estnische Komponist Arvo Pärt, um auf die spirituelle Seite zu deuten, seinen eigenen kompositorischen Ansatz des Verzichts auf Komplexität. Er spielte damit auf die fürs mönchische Leben unverzichtbare Askese an. Spirituelle Tönungen gehen beim Prinzip „Weniger ist mehr“ jedoch oft mit einer noch entschiedeneren Vermeidung behaglicher Tönungen einher. Dies etwa ist in manchen Werken des Italieners Giacinto Scelsi erfahrbar. Dessen Grundidee einer auf das reiche Innenleben von Tönen zentrierten Eintonmusik ist stark von ostasiatischem Denken beeinflusst und weist dabei auch einen Sinn für Reibungen und sogar für dramatische Momente auf.

Die Poesie der klanglichen Askese
Zu den Komponisten der Gegenwart, deren Schaffen radikal reduktionistische Züge aufweisen, gehört der 2016 in einer mehrtägigen Grossveranstaltung an der ZHdK präsentierte Komponist Alvin Lucier. Charakteristisch für ihn sind höchst originelle Versuchsanordnungen. So geht es in einzelnen von Luciers Stücken schlicht darum, etwas in Schwingungen zu versetzen und subtilen Klangmodellierungen nachzuhorchen. Seine «Music on a Long Thin Wire» ist einer der Extrempunkte dieser Tendenz, asketisch und poetisch zugleich. Die Resonanzen eines Drahtes werden in diesem Stück, das gleichermassen eine Klanginstallation ist und damit auf den Nachbarbereich der bildenden Kunst verweist, von Mikrofonen aufgenommen und an eine Verstärkeranlage weitergereicht.

Dieses Beispiel lenkt den Blick auf jene zuweilen als experimentell bezeichnete Strömung innerhalb der US-amerikanischen Musik des 20./21. Jahrhunderts, zu der es gehört, die einschlägigen europäischen Traditionen der Polyphonie und Komplexität zu negieren. Besonders John Cage und Morton Feldman sind hierfür wichtige Anreger gewesen. Von Cage, der seinerseits stark von Erik Satie sowie vom Zen-Buddhismus beeinflusst wurde, stammt mit dem Schweigestück «4’33» die «schlechthin unüberbietbare Geste musikalischer Reduktion» (so Peter Niklas Wilson in einem lesenswerten Buch zu diesem Thema). Dieses Stück wird oft als eine Art Nullpunkt der neueren Musikgeschichte verstanden.

Das Konzentrat trägt das Umfassende in sich
Aber auch Feldman operierte bei seinen reduktiven kompositorischen Strategien bemerkenswert unabhängig von all jenen Erwartungen an musikalische Dramatik, die im allgemeinen Bewusstsein vor allem mit der abendländischen Musik verbunden sind. Dabei ging es ihm immer wieder gerade um die Reflexion darüber, was Musik, verstanden als Gestaltung erfüllter Zeit, überhaupt ist und leistet. Eine solche Reflexion klingt im Falle seines im Januar 2018 vom Ensemble Arc-en-Ciel an der ZHdK realisierten Stücks «Why Patterns?» bereits im Titel an. Dazu passt, dass die beharrlich ausgespielte Tendenz zum Elementaren und Einfachen in diesem Stück als Einladung zur Beobachtung divergierender Klangbewegungen verstanden werden kann. Wie Cage war bezeichnenderweise auch Feldman stark von Impulsen der US-amerikanischen Malerei geprägt. «Die Abstufungen von Statik waren vielleicht das Wichtigste, was ich aus der Malerei übernahm», meinte er selbst zu solchen Ermutigungen durch andere Künste.

Gewiss lässt sich die Idee der Reduktion als Topos abendländischer Kulturgeschichte bezeichnen. Vor allem aber ist diese Idee der künstlerischen Konzentration auf weniges ein Indiz für die faszinierende Reichhaltigkeit und Mannigfaltigkeit der Gegenwartsmusik.

Prof. Dr. Jörn Peter Hiekel ist Dozent für Musikgeschichte und gehört zum Team des Studios für zeitgenössische Musik an der ZHdK.