Wie hat sich das Selbstverständnis bildender Künstlerinnen und Künstler über die Jahre gewandelt? Das Projekt «The New Artist» will genau das herausfinden. Auf eine Onlineumfrage haben 457 Personen geantwortet, die sich als Künstlerin beziehungsweise Künstler verstehen. Das Durchschnittsalter lag bei 50 Jahren. 39 Prozent der Teilnehmenden stammten aus dem Kanton Zürich. Der Initiant des Projekts, ZHdK-Dozent Johannes M. Hedinger, erklärt im Interview mit VALÉRIE HUG, mit welchen Herausforderungen und Chancen Kunstschaffende heute konfrontiert sind.

Valérie Hug: Warum wird man heute bildende Künstlerin oder bildender Künstler?
Johannes M. Hedinger: Über 90 Prozent der Befragten haben mit «aus innerem Drang», «Selbstbestimmung» und «Liebe zur Kunst» geantwortet, während «Talent» erst an fünfter Stelle folgt. Wir haben auch umgekehrt gefragt: Was wäre man geworden, wenn nicht Künstler? Da schwingen der «Autor» und interessanterweise die «Wissenschaftlerin» obenaus, gefolgt von «Filmemacherin» und «Lehrer».

Welche Ergebnisse Ihrer Umfrage haben Sie überrascht?
Wir haben es geahnt – und nun schwarz auf weiss: die Einkommensarmut, von der viele bildende Kunstschaffende betroffen sind. Verbreitet sind sogenannte Portfoliokarrieren: Rund ein Drittel arbeitet Vollzeit beziehungsweise 75 bis 100 Prozent als Künstlerin oder Künstler, der Rest geht weiteren Erwerbstätigkeiten nach; davon arbeitet knapp die Hälfte im Kultur- und Kreativsektor (inklusive Vermittlung und Unterrichten). Die grosse Mehrheit finanziert die künstlerische Tätigkeit aus der eigenen Tasche: «Eigenfinanzierung» steht bei den Geldquellen mit Abstand an der Spitze, weit vor der «öffentlichen Hand», den «Verkäufen» und den «Ausstellungsinstitutionen».

Über die Hälfte der Befragten hat einen Hochschulabschluss und fast 70 Prozent absolvierten eine Kunstausbildung. Inwiefern hat die Akademisierung einen positiven Einfluss auf den Künstlerberuf?
Das hohe Bildungsniveau der befragten Kunstschaffenden hat mich auch erstaunt. Was aber auch daran liegen mag, dass Autodidaktinnen und -didakten sich weniger für solche Befragungen interessieren. Ob die Akademisierung einen positiven Einfluss auf den Künstlerberuf hat, ist umstritten: Von der Hälfte der Befragten wurde sie gar als eine der Hauptsorgen in Bezug auf die künftige Entwicklung der Kunst formuliert, während überraschend «künstlerische Forschung» das Ranking der Tophoffnungen anführt. Vielleicht versprechen sie sich davon auch einen bezahlten Job. Als Hauptaufgaben der Kunstausbildung werden von beinahe allen Umfrageteilnehmenden «kritisches Denken» und «Fähigkeit zur Selbstkritik entwickeln» angesehen, während «Leistungsbereitschaft fördern» und «Erhalt und Förderung der Kultur, Tradition und Werte» auf den letzten Plätzen rangieren.

Wie sieht die Zukunft Schweizer Kunstschaffender aus?
In einer Frage wollten wir wissen, was die Situation und die Position der Schweizer Künstlerinnen und Künstler stärken würde. Obenaus schwangen wie erwartet «subventionierter Wohn- und Atelierraum» und «mehr Ankäufe durch die öffentliche Hand». Aber bereits an dritter Position erscheint das «Grundeinkommen für Schweizer Kunstschaffende». Als Hauptsorgen für die zukünftige Entwicklung der Kunst wurde «die Kunst verkommt zum Konsumartikel», «Handwerk und Talent werden weniger wichtig» und die «Selbstprekarisierung des Künstlers als ‹Role Model› des neoliberalen Systems» genannt. Auf die offene Frage: «Wie und wo arbeiten die KünstlerInnen in zwanzig Jahren und wie werden sie wahrgenommen?», gingen über 400 unterschiedliche Antworten ein, die von «Querulanten und Störfaktoren» über «Auslaufmodell» bis «selbstständige Unternehmer» oder «Kapitalanlagen» reichten. Nur ein kleiner Teil ist der Meinung, dass der Status quo erhalten bleiben wird.

«The New Artist» ist ein Forschungsprojekt zum sich wandelnden Selbstverständnis bildender Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz. Die nicht repräsentativen Daten zeichnen ein detailreiches Bild der Situation der befragten Personen im Beruf. An der Onlineumfrage haben zwischen Oktober 2016 und Februar 2017 457 bildende Künstlerinnen und Künstler teilgenommen. Das Durchschnittsalter betrug 50 Jahre. Die vollständigen Resultate sind unter www.thenewartist.net zu finden. Auch erste Kommentare und Analysen zu den Resultaten sind dort nachzulesen.

Monitoring von Berufsfeldern
Die Lehre an der ZHdK orientiert sich an den Ansprüchen möglicher Tätigkeitsfelder in der Kultur- und Kreativwirtschaft. So steht es in der Strategie der ZHdK. Über Monitorings sollen Entwicklungen in den verschiedenen Berufsfeldern von ZHdK-Abgängerinnen und -Abgängern frühzeitig erkannt werden. Die Studie «The New Artist» gibt einen Einblick in das Berufsfeld der bildenden Künste.

Johannes M. Hedinger (johannes.hedinger@zhdk.ch) ist Künstler, Kunstwissenschaftler und Dozent an der ZHdK. Er leitet das Projekt «The New Artist».

Valérie Hug (valerie.hug@zhdk.ch) war Praktikantin in der Hochschulkommunikation der ZHdK. Sie studiert Kulturpublizistik im Master Art Education.