Wenn sich das Leben auf Treppen abspielt

Was in Zürich die Bäckeranlage oder die Josefwiese, sind in Hong Kong die Treppen zwischen Geschäftsgebäuden oder die Stufen einer ÖV-Haltestelle. Nicolas Büchi und Alun Meyerhans von der ZHdK erforschen in ihrem Projekt «A proximal visit», wie es sich auf den Treppen Hong Kongs lebt, und bedienen sich dazu eines der neusten Tools der Digitalisierung: des 360°-Videos.

VON VALÉRIE HUG
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Hong Kong, eine 7-Millionen-Metropole, bekannt für ihre Wolkenkratzer und verstopften Strassen. Grüne Wiesen, Parks mit Sitz- und Essgelegenheiten oder Spielplätze sind in der Stadt jedoch eine Rarität. Denn Hong Kong ist hügelig, und die wenigen Freiflächen, die es gibt, werden bis auf den letzten Quadratmeter verbaut – vor allem in die Senkrechte. Die Folge? Man weicht auf jenen öffent­lichen Raum aus, der nicht in Privatbesitz ist oder reguliert wird: die Treppen. Auf ihnen verbringen unzählige Hausmädchen  und Schulkinder ihre Pausen, spielt sich die Freizeit ab, werden Märkte und Partys veranstaltet. Wie aber lebt es sich auf Treppen? Welche Rolle nehmen sie in der Gesellschaft ein? Wie werden sie wahrgenommen?

Das 360°-Video als kulturelles Forschungsinstrument

Melissa Cate Christ von der Polytechnic University of Hong Kong beschäftigt sich mit diesen Fragen. In ihrem Forschungsprojekt untersucht die Designerin und Landschaftsarchitektin die soziokulturelle Bedeutung von Treppen in Hong Kong. Als sie mit ihrem Forschungs­projekt auf Nuria Krämer, Kuratorin der Connecting Spaces, zukam, war Krämer sofort klar: Die Produzenten Nicolas Büchi und Alun Meyerhans der Fachrichtung Cast/Audiovi­suelle Medien der ZHdK wären die perfekten Partner für das Unterfangen. Die Idee: 360°-Videos als Primärquelle für die Forschung einzusetzen.

Ohne Einschränkung das Leben auf Treppen erforschen

«Die Fachrichtung Cast/Audiovisuelle Medien der ZHdK ist in der Schweiz führend auf dem Gebiet journalistisch-dokumentarischer Videoproduktionen», so Nicolas Büchi. Pionier­leistung hat sie auch im Bereich 360°-Videos – ein neues Tool der Digitalisierung – vollbracht. Erste Beispiele waren 2016 die 360°-Angst-Videos oder die Bux-App. Mit der Verwendung von 360°-Videos in der Forschung beschreitet die ZHdK Neuland. Nicolas Büchi: «In der Forschung ist eine neutrale und objektive Herangehensweise enorm wichtig. Dies gelingt uns durch die Verwendung von 360°-Videos.» Sie dienen der Forschung als Primärquellen, die im Gegensatz zu 2D-Forschungsvideos frei von Dramaturgie oder Einschränkungen durch Schnitt und Bildwahl sind. Innovation und neue Forschungszugänge bieten 360°-Videos jedoch nicht nur auf der Bild-, sondern auch auf der Audioebene. Deshalb haben Büchi und Meyerhans Sounddesigner Thomas Rechberger aus einer Kompositionsklasse der ZHdK mit an Bord geholt. «3D-Audio bietet eine völlig neue Ebene von Immersion. Man sieht nicht nur die echten Bilder, sondern hört auch die echten Geräusche», sagt Rechberger. Möglich gemacht hat dies ein Prototyp eines speziellen 3D-Mikrofons, das von Sennheiser zur Verfügung gestellt wurde.

Ein neues Tool mit Potenzial

Aufgenommen wurde in Hong Kong während zweier Wochen, in weiteren zwei Monaten wurden die Videos in der Postproduktion in Zürich fertiggestellt. Viel Zeit, viel Aufwand. Hat es sich gelohnt? Und wie: Neben einer Ausstellung im Mai 2017 in Hong Kong gab es zahlreiche positive Rückmeldungen: Das Seminar für Filmwissenschaft der Universität Zürich interessiert sich für das Projekt und die University of Hong Kong möchte die Videos in ihre Forschungsdatenbank integrieren. «‹A proximal visit› war nur möglich dank der enorm breiten Abstützung in verschiedensten Institutionen in Hong Kong und der Schweiz», blickt Büchi zurück. Das Projekt ist nun abgeschlossen. «Doch das Potenzial von 360°-Videos ist noch lange nicht ausgeschöpft», so Büchi. Die Fachrichtung Cast/Audiovisuelle Medien wird sich weiterhin dem Gebiet der 360°-Videos widmen, und auch er selbst hat bereits weitere Projektanfragen erhalten. Und, wer weiss, vielleicht wird man «A proximal visit» schon bald an einem Filmfestival sehen können.

Die Connecting Spaces Hong Kong – Zürich sind ein transdisziplinäres und transkulturelles Projekt, initiiert von der ZHdK. Die zwei Hauptziele sind, Perspektiven und Möglichkeiten für Kooperationen zwischen Hong Kong und Zürich zu erforschen und die Zukunft von Kunstuniversitäten im globalisierten 21. Jahrhundert zu betrachten.
www.connectingspaces.ch
Valérie Hug (valerie.hug@zhdk.ch) ist Praktikantin in der Hochschulkommunikation der ZHdK. Dank Virtual-Reality-Brille und 360°-Videos war sie kürzlich zum ersten Mal in Hong Kong.