«House 2 – Counter City» visualisiert Chancen der Verdichtung

Seit Mitte Mai bauen Architekturstudierende der École polytechnique fédéral de Lausanne (EPFL) in Zusammenarbeit mit der ZHdK beim Toni-Areal das House 2, eine eindrückliche, 50 Meter lange modulare und begehbare Holzstruktur. Die Mitinitiatoren Jonas Voegeli und Matthias Wyssmann erklären, was es mit dem Projekt auf sich hat.

VON FREDERIC POPPENHÄGER
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Frederic Poppenhäger: «House 2 – Counter City» – das klingt zunächst wie der Slogan einer Hausbesetzerinitiative. Was genau verbirgt sich hinter dem Namen?
Jonas Voegeli: Für ein besseres Verständnis muss man die Begriffe zunächst entkoppeln: einerseits in House 2 und andererseits in Counter City. «Counter City» ist ein Forschungsprojekt aus dem Departement Design der ZHdK und wurde vor mehreren Jahren von Matthias Wyssmann und mir gemeinsam entwickelt. Die Installation House 2 ist ein Teilprojekt von «Counter City» und entstand an der EPFL, die bereits letztes Jahr das House 1 auf ihrem Campus gebaut hat. Nun kommt es zur Errichtung des House 2 neben dem Toni-Areal, das Projekt «Counter City» dient dazu als Rahmen. Bei «Counter City» geht es vor allem um die Beantwortung gesellschaftlich relevanter und soziologisch geprägter Fragen: Wie kann man den Prozess der Verdichtung der Städte auf eine positive Art visuell kommunizieren? Wie macht man Chancen des Wachstums sicht- und erlebbar?
Matthias Wyssmann: Die meisten Städte in der Schweiz sind am Wachsen, aber vor allem gegen innen. Zürich wird in den nächsten zwanzig bis dreissig Jahren um 80 000 oder mehr Menschen wachsen, die auf einem gleichbleibend grossen Territorium leben müssen. Als würde eine der zehn grössten Schweizer Städte «nach Zürich ziehen». Diese fiktive Stadt ist Counter City. Der Name steht aber auch für den stets tickenden Zähler des Städtewachstums.

Was muss man sich unter House 2 vorstellen?
Jonas Voegeli: Das House 2 ist eine «Design and Build»-Installation Architekturstudierender des ersten Jahreskurses von Alice (Atelier de la conception de l’espace) der EPFL. Alice ist ein Laboratorium für Entwurf, Konstruktion und Forschung in der Architektur und wird geleitet von Dieter Dietz und Daniel Zamarbide. Das House 2 selbst kann als komplexe Matrixstruktur, die im Grunde aus vielen Dachlatten besteht, beschrieben werden. In diese Matrix werden die etwa 200 Studierenden von Alice verschiedene Räume hineinbauen, die unterschiedlichen Funktionen abbilden. Geplant sind beispielsweise Erschliessungen mit Treppen, die einen Rundgang ermöglichen, eine Art Theater mit Screen oder eine offene Küchen.
Matthias Wyssmann: Mit House 2 entsteht ein ganz konkretes Beispiel für die temporäre Verdichtung eines Raumes. Der öffentliche Platz vor der Hochschule der Künste wird eingeschränkt durch ein Bauprojekt, gleichzeitig aber durch die Veranstaltungen, die dort stattfinden, für die Öffentlichkeit aufgewertet.

 

Entwurf von House 2. Bild: © EPFL

Was können Studierende und Besucher des Toni-Areals im House 2 erleben?
Jonas Voegeli: Die Installation House 2 bleibt für drei Wochen vor der ZHdK stehen und wird vom 31. Mai bis zum 15. Juni 2017 zu erleben sein. Es ist eine temporäre Installation, die zeitgleich mit der Diplomausstellung gezeigt wird. Wir empfehlen sehr, an einer Führung durch das House 2 teilzunehmen. Aus sicherheitstechnischen Gründen ist die Installation nicht frei begehbar, aber dank der Führungen wird es trotzdem möglich sein, die verschiedenen Räume zu erleben. Zusätzlich finden Vorführungen von Filmen statt, die auf das Thema Verdichtung Bezug nehmen. Ausserdem werden eine Gaming Station mit dem Spiel eines Absolventen der Bachelorvertiefung Game Design installiert sowie Plakate einer Ausstellung aus einem Modul der Vertiefung Visuelle Kommunikation zum Thema Mapping Zurich City gezeigt.

Welche Reaktionen erwarten Sie bei der Betrachterin oder dem Besucher des House 2?
Matthias Wyssmann: Wichtig ist, keine Reaktionen zu erwarten, sondern Reaktionen zu messen. Unser eigener Blickwinkel auf «House 2 – Counter City» ist je nach Betrachter ganz unterschiedlich: Aus der Sicht von «Counter City» ist es ein Forschungsprojekt zum Thema Verdichtung. Aus der Optik der EPFL ist es zudem ein architekturpädagogisches Projekt, in dessen Rahmen junge Architektinnen lernen, einen Raum aufzuteilen, Architektur auszuhandeln und Ideen zu entwickeln.

Wie wurde das Projekt innerhalb der ZHdK angenommen?
Jonas Voegeli: Das Projekt «Counter City» entstammt der Fachrichtung Visual Communication, wächst mit «House 2 – Counter City» jedoch darüber hinaus. Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen steuern Beiträge zum Thema Nutzung von öffentlichem Raum bei. Es war beeindruckend, wie viel Interesse das Projekt innerhalb der ZHdK geweckt hat.

Frederic Poppenhäger: Was macht den Standort Toni-Areal für die Installation des House 2 und für «Counter City» interessant?
Jonas Voegeli: Das Toni-Areal liegt in einem sehr vielfältigen Gebiet. Hier berühren sich komplett unterschiedliche Nutzungen: Hotels, Hochschulen, Wohnungen, ein öffentlicher Platz, Verkehr. Das sind Schnittstellen, die den Platz unheimlich interessant machen, was die Nutzung anbetrifft. Und dies macht das Toni-Areal zu einem idealen Standort für ein Projekt, das sich mit dem Thema Verdichtung auseinandersetzt.

«House 2 – Counter City»
31. Mai bis 15. Juni 2017
Toni-Areal, unter dem SBB-Viadukt, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Vernissage: Dienstag, 30. Mai 2017, 18 Uhr
Programm
Jonas Voegeli ist Leiter der Vertiefung Visuelle Kommunikation und Mitinitiator von «Counter City».
Matthias Wyssmann ist Politikwissenschaftler, Kommunikationsexperte und Mitinitiator von «Counter City».
Frederic Poppenhäger (frederic.poppenhaeger@zhdk.ch) ist Kommunikationsverantwortlicher des Departements Design und lehrt in der Fachrichtung Industrial Design.