Sich freispielen

Erfolgreich im Beruf angekommen: fünf Theaterpädagogik-Alumni

Theaterpädagoginnen und -pädagogen sind ausgesprochen vielseitig unterwegs; ihr Berufsfeld hat sich stark gewandelt und reicht heute von der traditionellen Arbeit mit Schülerinnen und Schülern an einem Schauspielhaus bis hin zu Projekten in Schulen oder Asylzentren. Fünf ehemalige ZHdK-Studierende haben für JUDITH HUNGER einen Steckbrief ausgefüllt.

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Patrick Oes: «Es ist spannend, wie sich Jugendliche begegnen, obwohl sie nur wenig miteinander sprechen können.»

Masterabschluss: 2016
Arbeitet für: das Theater Basel sowie freiberuflich und als Performer in Kollektiven
Macht da: Leitung eines Theaterklubs für junge Asylsuchende und Jugendliche aus Basel
Das interessiert mich daran: wie sich verschiedene Jugendliche begegnen und zusammen Theater spielen, obwohl sie nur wenig miteinander sprechen können und dabei sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen aufeinandertreffen
Besonders anspruchsvoll: theaterpädagogische Settings bereitzustellen, in die sich die Jugendlichen möglichst gleichberechtigt einbringen können
Erfolgsmomente: wenn etwas Längerfristiges entsteht. Nach einem ersten erfolgreichen Projekt sind wir bereits an der zweiten Produktion.
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Elina Wunderle: «Mich interessiert die Konfrontation mit den Gedanken meiner Spielerinnen und Spieler.»

Masterabschluss: 2016
Arbeitet für: Lab Junges Theater Zürich (und viele mehr, wie etwa Performancekollektiv Helium X der Kaserne Basel, Figura Festival Baden, Fachstelle schule & kultur, Theatergruppe auftrag:okapi des Schlachthaus Theaters Bern)
Macht da: Mitarbeit im Leitungsteam und Realisierung unterschiedlicher Theaterprojekte mit Jugendlichen
Das interessiert mich daran: meiner Entdeckungslust nachzugehen, die Konfrontation mit den Gedanken meiner Spielerinnen und Spieler, unterschiedliche Formen von Zusammenarbeit zu erkunden, die vernachlässigte Jugendtheaterklubszene Zürichs zu beleben
Besonders anspruchsvoll: die Fäden immer zusammenzuhalten, weit voraus zu planen, zuversichtlich zu bleiben, Fördergelder zu beschaffen und Aufführungsorte zu organisieren, alle meine Projekte schlau zu koordinieren, Freizeit zu haben, genug Kohle zu verdienen
Erfolgsmomente: Erfolgsgefühl nach Zusagen und Premieren, Proben, bei denen sich plötzlich die Stimmung einer Szene herausschält; genug Arbeit zu haben und dies für länger als einen (Erfolgs-)Moment
Website: www.labzuerich.ch
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Jonas Egloff: «Ich freue mich, wenn eine längere Zeit hoffnungslose Szene plötzlich abhebt.»

Masterabschluss: 2017
Arbeitet für: B’bühne Aarau, GeeGee Express
Macht da: künstlerische Leitung und Regie bei der B’bühne in Aarau, Performance und Produktionsleitung bei GeeGee Express
Das interessiert mich daran: Zusammenarbeit mit vielen verschiedenen Leuten, die unterschiedliche Interessen haben und anderes können
Besonders anspruchsvoll: die Übersicht über alle Projekte zu behalten, die Gratwanderung zwischen Sichfestlegen und Geschehenlassen, zu wissen, wann es ruhig zu bleiben und wann es sich Sorgen zu machen gilt
Erfolgsmomente: wenn eine längere Zeit hoffnungslose Szene von drei Jugendlichen auf einmal abhebt und man nicht weiss, wer dafür gesorgt hat. Keiner will es gewesen sein – die Jugendlichen nicht und ich auch nicht.
Website: www.b-buehne.ch
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Philipp Boos: «Erfolgsmomente sind die Momente, in denen der Zauber gelingt.»

Masterabschluss: 2017
Arbeitet für: ab Sommer 2017 für Schauspiel Frankfurt als Theaterpädagoge in Festanstellung
Macht da: Vermittlungsarbeit für Schulen, Konzeption und Durchführung von Workshops und Angeboten für Kinder und Jugendliche, Türen öffnen und Begegnungen ermöglichen
Das interessiert mich daran: die Konzentration der Arbeit auf einen konkreten Ort innerhalb einer grösseren Struktur, Gastgeber für ein Theaterhaus zu sein und Wege und Formate zu (er)finden, um dessen Wirken und Werke einem Publikum zugänglich zu machen
Besonders anspruchsvoll: das «Dazwischensein» zwischen Kunst und Alltag, zu merken, was die jeweiligen Bedürfnisse sind, und dabei die Balance zwischen Beobachten und Eingreifen zu finden
Erfolgsmomente: die Momente, in denen der Zauber gelingt. Plötzlich arbeiten und funktionieren alle ganz genau und die Konzentration ist auf diese neue Wirklichkeit gerichtet, die da gerade in der Fantasie jedes Einzelnen entsteht.
Website: www.philipp-boos.com
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Anja Lina Egli: «Die Verantwortung im Umgang mit Kindern und Teenagern ist besonders anspruchsvoll.»

Masterabschluss: 2013
Arbeitet für: Jugendklub des Tanzhauses Zürich, Jugendclub am Theater Tuchlaube Aarau und beim TheaterAtelier3 in Zürich (davor: Kinderklub des Theaters Basel)
Macht da: zeitgenössisches Tanztheater mit Kindern und Jugendlichen (Spielklubleitung, Regie, Choreografie)
Das interessiert mich daran: die Kreation eigener Tanztheaterstücke mit Kindern und Jugendlichen und der Probenprozess als produktive Teamarbeit sowie ein hoher künstlerischer Anspruch an die Inszenierung und die Präsentation meiner Stücke
Besonders anspruchsvoll: die Verantwortung im Umgang mit Kindern und Teenagern, die Koordination verschiedener Projekte und Produktionsbeteiligter, je nach Einstellung des Arbeitgebers das Aushandeln fairer Arbeitsbedingungen, die Kinder nach einem Projekt, in dem man über die Monate zusammengewachsen ist, zu verabschieden
Erfolgsmomente: jedes Mal, wenn «meine» jungen Spielerinnen und Spieler voller Energie auf der Bühne stehen und sich freispielen und tanzen; wenn nach der Vorstellung begeistert diskutiert wird. Im August 2017 eröffne ich mein eigenes TheaterAtelier3, einen Freiraum für Kinder, Tanz, Theater und Philosophie, in dem ich Theaterkurse für Kinder aus dem Zürcher Kreis 3 leite.
Website: www.anjalinaegli.com

Die künstlerische Praxis als Teil der Kunst- und Kulturvermittlung mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen unterschiedlicher kultureller Herkunft und sozialer Prägung ist in der Theaterpädagogik eng verbunden mit kritischen Perspektiven auf Zeitgeschehen und Bildung. Theaterpädagoginnen und ­-pädagogen setzen Impulse in Schauspiel- und Schulhäusern, in soziokulturellen Institutionen, in der freien Szene oder in theaterfernen Feldern. Ein neugierig forschender Blick auf Menschen und Wirklichkeiten, verknüpft mit den Fähigkeiten, Projekte zu entwickeln und inszenatorisch zu denken, sind von zentralem Stellenwert für den Beruf.

Das Bachelorstudium vermittelt Grundkompetenzen der Spielleitung. Diese umfassen neben eigenen Spielerfahrungen insbesondere methodische und didaktische Kenntnisse um Vermittlungs- und Inszenierungsprozesse.

Judith Hunger (judith.hunger@zhdk.ch) ist verantwortlich für die Kommunikation im Departement Darstellende Künste und Film.