Tanz und Theater mit Behinderung erweitern

Kick-off-Workshop des Bühnenlabors 2: Dario Theiler, Jay Ariës und Gullielmo Hug (von links). Foto: Sarah Marinucci © ZHdK

Forschungsprojekt «DisAbility on Stage»

Es passiert derzeit viel in der Theater- und Tanzpraxis mit behinderten Menschen. Ensembles feiern Erfolge, Akteurinnen und Akteure mit Behinderungen übernehmen immer öfter künstlerische Leitungsfunktionen, und professionelle Ausbildungen öffnen sich. Die Theaterwissenschaftlerin Yvonne Schmidt richtet ihren Blick auf dieses sensible Feld und geht im Forschungsprojekt «DisAbility on Stage» der Frage nach, wie Menschen mit Behinderungen Theater und Tanz erweitern.

VON JUDITH HUNGER
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Judith Hunger: Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Yvonne Schmidt: Im Rahmen meiner Master-Arbeit beschäftigte ich mich 2008 erstmals mit Authentizität und Präsenz auf der Bühne in Bezug auf Laien im professionellen Theater. Das führte mich zum Theater mit Menschen mit Behinderungen. Ein Schlüsselerlebnis war eine Aufführung der CandoCo Dance Company in London, einer der führenden Kompagnien, die integrativ mit Menschen mit Behinderungen arbeiten. Ich fragte mich, ob es in der Schweiz etwas Ähnliches gebe. Überraschenderweise stiess ich dabei auf eine sehr lebendige Theater- und Tanzszene. Es gab Festivals wie beispielsweise «wildwuchs» in Basel und etablierte Ensembles wie die Kompagnie BewegGrund in Bern, Danse habile in Genf und das Theater Hora in Zürich. Ich wollte in der Folge unbedingt mehr über deren künstlerische Arbeitsweisen und die Menschen dahinter erfahren. Mich als Regieassistenz engagieren zu lassen, schien mir der richtige Weg. Das ermöglichte mir einen sehr praxisbezogenen Einblick.

Performer mit Behinderungen erhalten einerseits Preise, andererseits gibt es kaum Regisseure oder Choreografinnen mit Behinderung.

Wo setzt das Forschungsprojekt «DisAbility on Stage» an?
Generell befindet sich diese Theater- und Tanzpraxis im Wandel. Es stellen sich Fragen wie beispielsweise: Was ist das Spezifische, was macht Behinderung auf der Bühne tatsächlich aus? Performer mit Behinderungen erhalten einerseits Preise, andererseits gibt es kaum Regisseure oder Choreografinnen mit Behinderung. An diesem Punkt setzt unser Forschungsprojekt an; wir möchten diese Entwicklung vorantreiben, indem wir im Kontext des Theaterexperiments «Freie Republik HORA» mit geistig behinderten Regieführenden neue Regieästhetiken erforschen.

Was ist mit DisAbility gemeint?
Wir sprechen hier von Künstlerinnen und Künstlern der Theater- und Tanzpraxis mit verschiedenen Behinderungen. Im Titel des Projekts ist Ability grossgeschrieben. Ability soll als Erweiterung des Bewegungsrepertoires und der Theatersprachen verstanden werden. Wir möchten den Fokus mehr auf Ability als auf Disability richten.

Von welcher Bühne sprecht ihr in «DisAbility on Stage»?
Gemeint sind die Theater- und die Tanzbühne. Aber Menschen mit sichtbaren Behinderungen sind ja eigentlich permanent auf der Bühne. Sie fallen auch im Alltag auf und müssen ständig irgendwie «performen». Auch Menschen mit sogenannt unsichtbaren Behinderungen sind gute Performer, weil sie permanent versuchen, ihre Behinderung zu verbergen, zu überspielen. Das wirft auch die Frage auf, wie die Behinderung auf der Bühne in Erscheinung tritt.

Menschen mit sichtbaren Behinderungen sind ja eigentlich permanent auf der Bühne.

Joëlle Petrini (links) und Sophie Annen am Kick-off-Workshop des Bühnenlabors 2. Foto: Sarah Marinucci © ZHdK

Wie wirken behinderte Schauspieler auf die Zuschauerinnen?
Wir fragen im Projekt nicht nur danach, wie eine Performance beim Publikum ankommt, sondern auch nach der Kommunikation im Probenprozess. Ich finde es sehr schwierig, zu sagen, wie diese Form von Theater auf das Publikum wirkt, denn man fällt schnell in Klischees wie beispielsweise «die starke Präsenz» oder «die Unmittelbarkeit». Wir dürfen nicht vergessen, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler des Theaters Hora sehr wohl ein Bewusstsein dafür haben, dass sie auf der Bühne stehen und was sie tun. Sie sind Profis.

Gibt es etwas, das dich besonders berührt hat?
Alle Personen des Theaters Hora, die sich als Regisseurinnen und Regisseure versucht haben. Die Herangehensweise, wie sie ihre eigene Art und Weise gefunden haben und wie sie inszenieren. Die Hora-Mitglieder haben verschiedene kognitive Beeinträchtigungen – Down-Syndrom, eine Lernbehinderung oder Asperger-Syndrom. Ganz aktuell hat mich die Aussage zweier Performer mit Behinderung beschäftigt. Sie waren in einem Teilprojekt von «DisAbility on Stage» mit den Master-Studierenden der Accademia Teatro Dimitri in Verscio engagiert. Dabei äusserten sie den Wunsch, an der Accademia zu studieren und ihre eigene Kompagnie zu gründen. Das zeigte mir das rege Interesse der Performer daran, auch Autorenschaft übernehmen zu wollen.

Natürlich fände ich es toll, wenn mehr Menschen mit Behinderung an Hochschulen anzutreffen wären.

Was ist das Ziel des Projekts?
Abgesehen von unserem Interesse als Forschende und Kunstschaffende, geht es in erster Linie um eine Sensibilisierung innerhalb der Hochschulen. Das Forschungsprojekt soll das Thema Behinderung in der Theater- und Tanzausbildung der Kunsthochschulen thematisieren. Es ist zum Beispiel eine spannende Erfahrung für Studierende und Dozierende, dass Tänzerinnen und Tänzer mit Behinderung zwei Wochen im Toni-Areal mit Studierenden des Bachelors Contemporary Dance arbeiten. Dies unter der Leitung von Emanuel Gat und begleitet vom Forschungsteam. Die Werkstattaufführung dieses Bühnenlabors wird im Juni an Schweizer Festivals im Rahmen von «IntegrART», einem Projekt von Migros-Kulturprozent, gezeigt.

Hast du eine Vision?
Natürlich fände ich es toll, wenn mehr Menschen mit Behinderung an Hochschulen anzutreffen wären. In den USA oder England ist das selbstverständlicher als bei uns. Dort können Menschen mit Behinderungen regulär studieren. Auch in Belgien und den Niederlanden laufen spannende Projekte. Und es gibt Beispiele wie die deutsche Schauspielerin Jana Zöll mit Glasknochenkrankheit, die festes Ensemblemitglied im Staatstheater Darmstadt ist. Sie studierte in Ulm an der Akademie für Darstellende Künste.

Das vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderte Projekt «DisAbility on Stage» (2015–2018) am Institute for the Performing Arts and Film der ZHdK untersucht Theater- und Tanzpraktiken von und mit behinderten Akteurinnen und Akteuren. Kooperationspartner des Projekts sind verschiedene Hochschulen, Theater- und Tanzkompagnien und Festivals in der ganzen Schweiz. Im Fokus der drei Teilprojekte stehen die Aspekte Performer Training, Inszenierungsprozesse sowie Publikumsreaktionen.

Blog

Werkstattaufführung des Bühnenlabors 2 «DisAbility on Stage»
Donnerstag, 2. März 2017, 13 Uhr
Kaskadenhalle, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Eintritt frei

Weitere Aufführungen

Dr. Yvonne Schmidt (yvonne.schmidt@zhdk.ch) ist Dozentin an der ZHdK und leitet das Forschungsprojekt «DisAbility on Stage». Sie forschte und lehrte an der Universität Bern und der University of Illinois at Chicago. Als Gründerin der Arbeitsgruppe Performance and Disability der International Federation for Theater Research und im Namen des Hemispheric Institute for Performance and Politics der New York University hat sie zahlreiche künstlerisch-wissenschaftliche Plattformen initiiert.
Judith Hunger (judith.hunger@zhdk.ch) ist verantwortlich für die Kommunikation im Departement Darstellende Künste und Film der ZHdK.