Was ist ein Schimpanse für dich?

Kann ein Schimpanse malen? Und wo liegen die evolutionären Anfänge der Kunst? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Forschungsprojekt «Inherent Crossing». Bild: Benjamin Egger, © ZHdK

«Inherent Crossing» erforscht die evolutionären Anfänge der Kunst

Das transdisziplinäre Forschungsprojekt «Inherent Crossing» beschäftigt sich mit Schimpansen und ihrem Umgang mit Malutensilien. Damit dringt es tief vor in unerforschte Grenzgebiete zwischen Mensch und Tier, zwischen Biologie und Kunst. Derzeit geben eine Sonderausstellung im Anthropologischen Museum der Universität Zürich sowie drei Videointerviews mit den Beteiligten Einblick in die Forschungsarbeiten.

VON BENJAMIN EGGER

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«Schimpansen sind politisch sehr engagiert.» – «Wenn man weiss, wie grob Schimpansen miteinander umgehen und dann sieht, wie eine Schimpansenmutter mit ihrem Baby umgeht, ist man erstaunt, wie zärtlich und feinfühlig die Affen eigentlich sind.» – «Wenn ich an Schimpansen denke, denke ich an die einzelnen Schimpansen und an die Erlebnisse, die ich mit ihnen hatte.» Diese Aussagen stammen von drei Fachleuten. Im Rahmen des Forschungsprojekts «Inherent Crossing», das von der Ernst Göhner Stiftung gefördert wurde, haben sie sich mit Kunst und Forschung auseinandergesetzt und einen neuen Blick auf Schimpansen gewonnen. Ihre Statements zu vier grundsätzlichen Fragen wurden für den Showroom Z+ zum Thema Kooperationen auf Video aufgezeichnet.

Carel van Schaik

Carel van Schaik ist Leiter des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich und forscht vornehmlich im Bereich der Evolution von Kultur und Technik. Er hat das Projekt «Inherent Crossing» unterstützt und damit ermöglicht. Van Schaiks Forschung über Primaten beruht vor allem auf Feldforschungen zu den Orang-Utans, die auf den beiden indonesischen Inseln Borneo und Sumatra leben.

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Angela Widmer

Angela Widmer ist die ehemalige Revierleiterin Affen des Walter Zoo Gossau und hat über 30 Jahre mit der Schimpansengruppe gearbeitet. Sie hat die wöchentlichen Sitzungen mit Projektleiter Benjamin Egger und den Schimpansen geleitet.

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Benjamin Egger

Benjamin Egger ist Künstler und künstlerischer Forscher am Institute for Contemporary Art Research der Zürcher Hochschule der Künste mit Schwerpunkt auf Fragen des Amateurhaften und der kulturellen Konstruktion des Tieres. Er hat das Projekt «Inherent Crossing» 2012 initiiert und leitet es zusammen mit Dieter Maurer.

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Geschichte des «malenden Affen»

Der «malende Affe» erscheint bereits im 17. Jahrhundert auf Gemälden wie «The Monkey Painter» von David Teniers dem Jüngeren als Karikatur der Künstlerfigur. Doch erst anfangs des 20. Jahrhunderts richtete sich die Aufmerksamkeit auf die Affen selbst und ihre tatsächlichen Fähigkeiten, mit Stiften oder Pinseln auf einer Fläche zu agieren. Forscher und Forscherinnen wie Nadeschda Kohts wollten in Cross-Fostering-Studien die gemeinsamen Fähigkeiten der evolutionär nahen Wesen – Affe und Mensch – studieren. Die damit verbundene Frage, ob und unter welchen Bedingungen Affen sich bildhaft ausdrücken, ist aber bis heute offen. Zudem verschiebt sich die Grenze, die Affe und Mensch scheinbar deutlich trennt, je nach Interpretation.

Wie gehen Schimpansen mit Malutensilien um?

Heute liegen mehrere umfangreiche Untersuchungen vor. Aus ihnen lässt sich aber noch kein gesichertes Wissen darüber ableiten, ob sich Affen bildhaft ausdrücken können. Vor diesem Hintergrund stellt sich ein Forschungsteam des Institute for Contemporary Art Research der ZHdK, des Anthropologischen Instituts und Museums der Universität Zürich sowie des Walter Zoo Gossau der Frage nach einem selbstmotivierten Umgang mit Malutensilien und einem möglichen frühgrafischen Verhalten der Schimpansen des Walter Zoo Gossau.

Angela Widmer mit Balima, Blacky und Madschabu (von links) am 17. Juni 2014. Bild: Benjamin Egger, © ZHdK

Entwickeln einzelne Schimpansen eine selbstmotivierte Aufmerksamkeit im Umgang mit Malutensilien, wenn sie keine Futterbelohnung erhalten und auch nicht von der Gruppe isoliert werden? Differenzieren sie gar diese Tätigkeit bis hin zu frühgrafischen Manifestationen, das heisst, bis hin zu einer wechselseitigen Bezugnahme von Farbauftrag und seiner visuellen Wirkung?

Das Forschungsteam beschränkt sich allerdings nicht darauf, Farbspuren festzuhalten und einzuschätzen. Es bezieht das Prozessuale und Performative der Sitzungen in die Evaluation mit ein, ebenso deren Auswirkung auf die Forschenden und die Schimpansen. Der soziale Raum führt dazu, die Aufmerksamkeit auf Pinsel, Farbe und Trägerfläche zu richten und sich entsprechend auf den Umgang mit ihnen zu konzentrieren. Er bezieht die Instruierenden genauso mit ein wie die agierenden Affen.

Ausstellung «Kunst – ein evolutionärer Denkansatz»

«Inherent Crossing» eröffnet nicht nur einen neuen Blick auf das Tier, sondern auch auf den Menschen und die Evolution von Kunst. Dieses Thema steht im Zentrum der Sonderausstellung «Kunst – ein evolutionärer Denkansatz» des Museums der Anthropologie der Universität Zürich. Sie schliesst zwei Beiträge des Institute for Contemporary Art Research in Kooperation mit dem Master-Studiengang Transdisziplinarität der ZHdK mit ein.

Die Ausstellung beschäftigt sich mit den Vorläufern und der Frühzeit von Ästhetik und Kunst. Erstaunliche Manifestationen verschiedener Tiere werden gezeigt, darunter mögliche vorgrafische Ansätze von Schimpansen, kunstähnliche oder künstlerische Artefakte aus der Paläoarchäologie bis zurück zum Homo erectus. Als frühe Bilder in der Ontogenese sind Realisierungen visueller Ideen von Kleinkindern zu sehen. Vor diesem Hintergrund stellt Carel van Schaik das biologische Fundament der Kunst in den Raum: Trotz ihrer spektakulären kulturellen Karriere reichen die Wurzeln in die Urgeschichte zurück. Dieter Maurer befragt das frühe Syntaktische als frühe Materialisierung formaler und ästhetischer Ideen, und Benjamin Egger präsentiert eine Studie, die sich mit einer möglichen Selbstmotivation von Schimpansen im Umgang mit Malutensilien befasst.

«Kunst – ein evolutionärer Denkansatz»
Bis 30. April 2017
Museum der Anthropologie, Universität Zürich, Winterthurerstrasse 190, Zürich
Öffnungszeiten
Benjamin Egger (benjamin.egger@zhdk.ch) ist Künstler und künstlerischer Forscher am Institute for Contemporary Art Research der ZHdK. Für seine Forschung arbeitete er mit der Schimpansengruppe des Walter Zoo Gossau.