«In diesem Haus gibt es viel Platz für Neugier»

Gregor Hilbe über seine ersten 100 Tage als Leiter Jazz/Pop

Gregor Hilbe. Foto: Thomas Radlwimmer

Seit September 2016 leitet Gregor Hilbe das Profil Jazz/Pop an der ZHdK. Mit DANIELA HUSER spricht der Schlagzeuger und Dozent darüber, was ihn antreibt, über das Potenzial von Laboratorien und warum seine Neugier vor keinem Konzertsaal des Toni-Areals Halt macht.

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Daniela Huser: Was hat Sie bewogen, an der ZHdK die Leitung Jazz/Pop zu übernehmen?
Gregor Hilbe: Mich reizte es, im Feld der Transdisziplinarität wirkliche Produktionsräume zu gestalten. Die Arbeit im Jazzcampus an der Musik-Akademie Basel war wunderbar und ich war all die Jahre überaus verbunden mit Basel, doch das Toni-Areal hat jetzt Aktionsräume eröffnet, die es sonst fast nirgendwo gibt. Das Dozierenden-Team an der ZHdK ist sehr engagiert. Die Leitungsfunktion ist für mich ein schöpferischer Prozess innerhalb und mit einer Gemeinschaft, in der interessante Dinge und Fragestellungen möglich werden. In diesem Haus gibt es für die Neugier viel Platz und viele Orte.

Welche Visionen treiben Sie an, was möchten Sie umsetzen?
Im Toni-Areal möchte ich der vielfältigen kulturellen Landschaft einen Laborraum bieten. Ein Fernziel ist, die Definition einer Musikerin, eines Musikers zu erweitern. Sie soll sich nicht in Unterrichts- und Konzerttätigkeit erschöpfen, sondern auch soziale, administrative oder therapeutische Prozesse einschliessen, die heute die vielfältigen Berufsbilder im Bereich Musik prägen. Eine reizvolle Vision ist ein Studiengang im Bereich Producing/Performance, der neue Berufsbilder ermöglicht und unterstützt.

Gibt es Projekte, Pläne oder Desiderate für den Musikklub Mehrspur?
Mein Wunsch wäre, das «Mehrspur» noch viel mehr als Laboratorium zur Projektentwicklung zu nutzen. In der geplanten Reihe «Teacher’s Lab» zum Beispiel sollen Dozierende ihre neuen Ideen gemeinsam mit Studierenden ausprobieren können. Prozesse für Neuerfindungen sollen dort möglich sein. Ganz generell soll «Mehrspur» noch stärker ein Ort des Entdeckens werden, auch indem Studierende in der Bar die Playlist aktiv gestalten. Vor allem soll der Konzertbetrieb noch eindeutiger die Handschrift unserer «Musikmanufaktur» tragen. Zudem möchten wir die Publikumsfrequenz erhöhen. Der Musikklub ist der Freiraum der Studierenden. Sie müssen ihn selbst beleben.
Zukünftig wollen wir auch eine aktive und reflektierte Position innerhalb der elektroakustischen Improvisation einnehmen und diese in Lab-Abenden erarbeiten. Desiderate für die nächsten Monate sind, unsere «Mehrspur»- und Masterclass-Aktivitäten im Toni-Areal besser sichtbar zu machen sowie die Klangqualität im Musikklub Mehrspur zu verbessern.

Wann und wo kann man Ihnen als Musiker in der ZHdK begegnen?
Vor allem im «Mehrspur», in Zukunft auch im Kompositionsstudio des Institute for Computer Music and Sound Technology oder an anderen Orten, wo sich neue Strömungen und Konstellationen abzeichnen. Als Musiker begreife ich mich zugleich als Hörender, der ebenso gerne in den Orgelsaal wie zu Aufführungen in den Konzertsälen geht.

Gregor Hilbe, geboren 1968, studierte an der Kunstuniversität Graz und lebte unter anderem in Paris und London. Er war Mitglied des Vienna Art Orchestra, hat mit dem Projekt «TangoCrash» den Weltmusikpreis 2006 gewonnen und zahlreiche Alben aufgenommen, darunter «BOWW Tribal Poetry». Gregor Hilbe bildet mit Christian Zehnder das Duo Oloid. Von 1999 bis 2016 leitet er am Jazzcampus der Musik-Akademie Basel die Schlagzeugklasse sowie den Studiengang Producing/Performance, den er gegründet hat.

www.gregorhilbe.com

Daniela Huser (daniela.huser@zhdk.ch) ist Kommunikationsbeauftragte des Departements Musik der ZHdK.