Im Fussballstadion finden keine Biennalen statt

«Physical Culture» by Francis Picabia (1913), Philadelphia Museum of Art, The Louise and Walter Arensberg Collection, 1950-134-157 © Artists Rights Society (ARS), New York / ADAGP, Paris / 2016, ProLitteris, Zurich

Was haben Sport, Fitness und Kunst gemeinsam? JÖRG SCHELLER zeigt Parallelen auf im Wechsel von Isolation zu Interaktion in den Bereichen Functional Training und Artistic Research und regt zum Mitdiskutieren an. 

Sport, Fitness und (Bildende) Kunst gehen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, überwiegend getrennte Wege. Stehen bei ersteren der quantifizierbare Wettbewerb, die Leistung und meist auch die Gesundheit im Vordergrund, so dominiert in letzterer die experimentelle, ergebnisoffene und kritische Auseinandersetzung mit frei gewählten Themen in wechselnden ästhetischen Formaten. So zumindest will es der Gemeinplatz, der freilich bereits dekonstruiert wurde, etwa von Wolfgang Welsch in seinem Aufsatz «Sport – Viewed Aesthetically, and Even as Art?» (2005). Welsch zeigt, dass es im Sport nicht nur um Leistung, sondern auch um Ästhetik und Drama geht, während die (Bildende) Kunst sehr wohl Wettbewerb und Leistung kennt. Gleichwohl sind die drei Segmente systemisch bislang getrennt geblieben – Sport wird nicht an Kunsthochschulen unterrichtet, in Fussballstadien finden keine Biennalen statt, und Fitnesscenter haben sich nicht zu Treffpunkten für Konzeptkünstler entwickelt.

Es gilt, Künstlerinnen und Künstler fit zu machen für Tätigkeiten jenseits des Kunstsystems.

Derzeit ereignen sich in Sport, Fitness und (Bildender) Kunst jedoch Umbrüche, die überraschende Parallelen aufweisen. Die Rede ist vom Aufschwung des sogenannten Functional Training in Sport und Fitness, von Artistic Research in den Künsten. Beide, so die These, sind dahingehend eng miteinander verbunden, dass sie Autonomie-Postulaten Lebewohl sagen und ihre jeweiligen Praktiken an zunehmend interaktive, konnektive, aber auch prekäre Verhältnisse anpassen.

Bei Functional Training handelt es sich, grob gesagt, um komplexe, auf Körperbeherrschung, -kompetenzen und -vermögen ausgerichtete, weitestgehend ohne maschinellen Beistand auskommende Trainingsformen, zu denen unter anderem freies Körpergewichtstraining, das TRX-System sowie hybridere Systeme wie P90X und CrossFit zählen. Kraft, Beweglichkeit, Gleichgewichtssinn, Ausdauer, Koordinationsfähigkeit – das sind nur einige der Ziele des Functional Training. In jedem Fall soll es die Selbstermächtigung (Self-Empowerment) und die wahrhaftige Steigerung körperlichen Vermögens fördern, indem das isolierte Training einzelner Muskeln aufgegeben wird – anders als beim herkömmlichen Training.

Wie sich Functional Training von der Autonomie des Bodybuildings und dem isolierten Training einzelner Muskeln verabschiedet, so löst sich die künstlerische Forschung von der Autonomie und Isolation der Künste.

Functional Training speist sich massgeblich aus einer Kritik am Maschinentraining, das sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchsetzte. Die isolierten, standardisierten, routineanfälligen Abläufe, welche die Trainingsmaschinen vorgeben, werten die Adepten des Functional Training als nicht mehr zeitgemäss. Die Maschinen waren gewissermassen der Sozialstaat des Sportes: Sie führten und kontrollierten die Bewegungen auf eine Weise, dass zwar kaum Verletzungsrisiko bestand, aber auch keine Variationen möglich waren. Dergestalt, so eine latent neoliberale Deutung, entmündigten sie die Trainierenden und führten zum Verlust von Skills. Zudem bestand eine anrüchige Nähe zum Bodybuilding, das sich in den 1940er-Jahren als autonomes Subsystem der Körperkultur etablierte und in maschinenhallenartigen Gyms monströse Körper heranzüchtete. Die waren zwar visuell beeindruckend, aber praktisch unbrauchbar. Zu träge, zu unbeweglich, zu dekadent. In Zeiten von Flexibilisierung und Prekarisierung, aber auch der Sehnsucht nach «Normalität» sind andere Körper, sind andere Trainingsformen gefragt – Trainingsformen, die an das «unternehmerische Selbst» (Ulrich Bröckling) appellieren und zu einer Kultur beweglicher, agiler, alerter Subjekte beitragen. Diese sollen einerseits – anders als die grotesken Bodybuilder – «natürlich» und «normal» wirken und sich andererseits in den granularen, dynamischen, prekären Verhältnissen des Hightech-Zeitalters möglichst reibungslos zurechtfinden. Ein typischer CrossFit-Anhänger ist denn auch ein «complexio oppositorum»: Steinzeit-Diät und Smartwatch, urwüchsiger Vollbart und gelaserte Netzhaut, Job in der materialphobischen Digitalbranche und rustikale Retro-Trainingsmethoden, wie man sie aus den Tagen von Turnvater Jahn kennt.

Derzeit ereignen sich in Sport, Fitness und (Bildender) Kunst Umbrüche, die überraschende Parallelen aufweisen.

Wie sich Functional Training von der Autonomie des Bodybuildings und dem isolierten Training einzelner Muskeln verabschiedet, so löst sich auch die künstlerische Forschung von der Autonomie und Isolation der Künste. Artistic Research steht für die Rückführung der (Bildenden) Kunst in die Kultur, wo nicht der selbstbezügliche Monolog, sondern Interaktion und Einbettung gefragt sind. Hielten Künstler wie Ad Reinhardt und Theoretiker wie Theodor W. Adorno in der Nachkriegszeit den Purismus und das Nicht-Identische hoch, weil immer schon «alle ‚reine Kultur‘ … den Wortführern der Macht unbehaglich gewesen [ist]» (Adorno), so entwickelte sich im Zuge der beschleunigten Globalisierung, der postindustriellen, auf kreative Inputs angewiesenen Ökonomie und der allgemeinen Hybridisierung zum Ende des Jahrtausends hin ein neues Verständnis der Künste, gerade auch der Bildenden. Nicht interesseloses Wohlgefallen, nicht Zweckmässigkeit ohne Zweck, aber auch nicht avantgardistische Provokation oder Selbstreferenz sollen von nun an als das Mass aller Dinge gelten. Stattdessen sollen die Künste zwar als kritisch hinterfragende und experimentelle, aber gerade dadurch erkenntnisstiftende und gewinnbringende Akteure auf gleiche Augenhöhe mit Wissenschaft, Technologie und Wirtschaft gebracht und in entsprechende Strukturen eingebettet werden. Es gilt, Künstlerinnen und Künstler fit zu machen für Tätigkeiten jenseits des Kunstsystems. Ziel ist eine intensivierte Kompatibilität und Konnektivität der (Bildenden) Künste, die auch ihre Nutzbarmachung beinhaltet. Im «globalen Dorf» (Marshall McLuhan) ist niemand jemals wirklich alleine, warum sollten sie es sein?

Die Frage, wie diese beiden korrelierenden Umbrüche in Kunst, Sport und Fitness zu bewerten sind, bleibt angesichts des begrenzten Zeilenumfangs offen. Der Autor hofft auf Antworten im unten stehenden Kommentarfeld.

Dr. Jörg Scheller ist Kunstwissenschaftler und leitet den Bereich Theorie im Bachelor Kunst & Medien am Departement Kunst & Medien der ZHdK. Er schreibt für verschiedene Zeitschriften, Magazine und Buchverlage, musiziert mit dem Metal-Duo Malmzeit und betätigt sich als Bodybuilder in Teilzeit.