Eine neue Publikation beleuchtet den Hochschulalltag

Wie hat sich die ZHdK seit dem Einzug im Herbst 2014 im Toni-Areal eingelebt? Die im Auftrag der Hochschule herausgegebenen Publikation «Zürcher Hochschule der Künste: Toni-Areal» dokumentiert den Alltag und Aneignungsprozess im neuen Haus. Im Interview erzählt Kulturpublizistik-Dozentin Janine Schiller, wie sie für die Recherche und Umsetzung vorgegangen ist.

VON TANJA BREU UND SELMA WICK

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Tanja Breu und Selma Wick: Sie haben sich intensiv mit der Geschichte der Zürcher Hochschule der Künste und des Toni-Areals auseinandergesetzt. Was hat Sie dazu bewegt, zusammen mit Katharina Nill den Einzug ins Toni-Areal zu dokumentieren?
Janine Schiller: Die Hochschule hatte mich 2013 mit einer Publikation zum Toni-Areal beauftragt. In «Zürcher Hochschule der Künste: Toni-Areal» geht es aber nicht in erster Linie um Geschichtsschreibung. Das Buch ist eher eine Momentaufnahme. Aus der Perspektive der Institution sind knapp zwei Jahre keine lange Zeitspanne, aber die Anfangszeit in einem neuen Gebäude ist immer wichtig. Zu Beginn ist alles neu, gross und aufregend, doch bald relativiert sich vieles. Dabei ist die Hochschule mit dem Umzug nicht etwa grösser geworden, sondern einfach kompakter und im Stadtraum sichtbarer.

Welche Intention verfolgt die Publikation?
Neugierig gemacht hat mich ein Zitat von Daniel Niggli und Mathias Müller von EM2N, den Architekten des Toni-Areals: «Nur, was man sich aneignen kann, wird auch geliebt. Wir stellen uns ein Haus mit robusten, einfach gestalteten Räumen vor, die es verzeihen, wenn ihre Bewohner ruppig mit ihnen umgehen.» Dieser interessanten Setzung, der Aufforderung, sich in das Haus einzuschreiben, wollten Katharina Nill und ich nachgehen. Um den Aneignungsprozess zu dokumentieren, wählten wir einen ethnografischen, sozialforschenden Zugang. Unseren Fokus legten wir auf den Alltag im neuen Hochschulgebäude. Uns interessierte die Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer auf die Architektur. Wir wollten nicht primär die Disziplinen und Strukturen präsentieren, sondern suchten nach Aktivitäten, die den Alltag im Toni-Areal prägen, wie etwa Studieren, Forschen, Lehren, Lernen, Arbeiten, Üben, Essen, Ausstellen, Aufführen, Produzieren. Zudem haben wir uns mit der industriellen Vergangenheit der Molkerei und des Quartiers auseinandergesetzt, um das Gebäude und dessen Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln zu kontextualisieren.

In einem Vortrag an der ZHdK sagten Sie sinngemäss, dass, wer sich mit der Geschichte von Institutionen befasse, unter Generalverdacht stehe, eine rechtfertigende und ganzheitliche Perspektive zu vertreten. Haben Sie es geschafft, einen anderen Standpunkt einzunehmen?
Der Auftrag, eine Publikation zur Hochschule im neuen Haus zu verfassen, fordert einen umfassenden Blick auf die gesamte Institution. Daran kann man eigentlich nur scheitern. Die erste wichtige konzeptionelle Entscheidung war, kein Buch zur Eröffnung herauszugeben. Eine Eröffnungspublikation kann nur Visionen und Wünsche für den neuen Standort ins Zentrum stellen, nicht aber aus dem Alltag der Hochschule berichten. Wir entwickelten deshalb ein dreiteiliges Konzept: Zum Einzug der ZHdK ins Toni-Areal im September 2014 konzipierten wir eine Ausgabe der Fachzeitschrift für Architektur, Planung und Design «Hochparterre» mit Fokus auf die Architektur und die neue Nutzung der ehemals grössten und modernsten Molkerei Europas. So konnten wir ein Fachpublikum erreichen und gleichzeitig den Umzug der ZHdK breit publik machen. Um den Einzug zu dokumentieren und zu reflektieren, betrieben wir während der ersten eineinhalb Jahre einen Blog.

Welche Bedeutung hatte der Blog?
Er stellte eine Art öffentliches «Forschungstagebuch» dar. Dieses diente dazu, Themen zu entdecken und zu verhandeln, die mit dem Einzug auftauchten; dazu sammelten und produzierten wir Bildmaterial aus verschiedenen Blickwinkeln. Als neutrale Beobachterin richtete die Berliner Autorin Kathrin Passig auf dem Blog und einem eigens eingerichteten Twitter-Kanal einen Aussenblick auf den Einzug. Zudem konnten wir in verschiedenen Lehrveranstaltungen gemeinsam mit Studierenden die neue Situation im Toni-Areal diskutieren. Diese Erkenntnisse wurden in der Folge für die vorliegende Publikation aufbereitet.

Ihnen war es ein Anliegen, die individuelle Perspektive der Nutzerinnen und Nutzer des Gebäudes und den Umgang der Organisation mit dem Neuanfang zu thematisieren. Welche Rolle spielt dabei die Architektur des Toni-Areals?
Die Architektur hat immer einen Einfluss. Wichtig bei der Auseinandersetzung mit dem Toni-Areal ist jedoch ein differenzierter Blick auf die Unterschiede zwischen Architektur und Organisation. «Architektur ist nicht allmächtig, sie ist ein Angebot», sagt dazu Mathias Müller von EM2N im Interview in der Publikation. Entscheidend ist, wie wir uns in dieser Hülle einrichten. Für das Toni-Areal gilt in diesem Sinn: «Function melts form.» Wir können in diesem Haus dank der industriellen Struktur des Gebäudes und des Konzepts der Architekten fast alles umorganisieren. Wenn sich unsere Bedürfnisse verändern oder uns die Architektur einschränken sollte, können wir sie den neuen Anforderungen entsprechend anpassen.

Wie hat sich Ihr Blick auf das Toni-Areal in den knapp zwei Jahren seit dem Einzug verändert?
Mich beschäftigt das Haus und wie wir als Organisation mit dem neuen Gebäude umgehen nach wie vor sehr intensiv. Parallel dazu beobachte ich die Veränderungen im städtebaulichen Umfeld von Zürich-West, die einen wichtigen Einfluss haben. Die Auseinandersetzung mit dem Toni-Areal ist für die Institution noch lange nicht abgeschlossen, die Konzentration der Standorte ist für die Hochschulentwicklung wichtig. Wir stecken mitten im Aneignungsprozess, und aus dieser Perspektive ist es gut, wenn uns das Haus noch eine Weile herausfordert.

Vernissage des Buchs und der Ausstellung «Von der Molkerei zur Kunsthochschule. Die Transformation des Toni-Areals 2008–2014»
Dienstag, 28. Juni 2016, 17 Uhr
Toni-Areal, Galerie Kaskadenhalle, Ebene 6, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
«Zürcher Hochschule der Künste: Toni-Areal»
Wie hat sich die einst modernste Grossmolkerei Europas zu einer Kunsthochschule entwickelt? Wie spielen Architektur und Aneignung, Haus und Hülle, Organisationskultur, Bildungspolitik und Stadtentwicklung zusammen? Das Buch «Zürcher Hochschule der Künste: Toni-Areal» zeigt auf, wie die Toni-Molkerei im ehemaligen Industriequartier – umgebaut nach den Plänen des Zürcher Architekturbüros EM2N – zu einem Standort für Bildung, Kultur und Wohnen wurde. Zahlreiche Fotografien und Bilder illustrieren den neuen Hochschulalltag.

Herausgegeben von Janine Schiller und Katharina Nill im Auftrag der ZHdK, Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016. Gestaltet von Jalscha Römer, Laia Ortiz Sansano, Romy Strasser und Dario Mutter.

An der Vernissage kann die Publikation zum Spezialpreis von 29 statt 39 Franken gekauft werden.

Tanja Breu und Selma Wick studieren zusammen im Master Art Education ausstellen & vermitteln. Seit diesem Interview gehen sie nun täglich mindestens vier Stunden im Toni-Areal auf Entdeckungsreise.
Janine Schiller (janine.schiller@zhdk.ch), Kulturwissenschafterin und Architekturhistorikerin, ist Dozentin in der Vertiefung Kulturpublizistik im Master Art Education, Departement Kulturanalysen und Vermittlung.