Interview mit Herlinde Koelbl zur Ausstellung «Targets» im Museum für Gestaltung

VON KARIN GIMMI

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Die Fotokünstlerin Herlinde Koelbl hat für ihr jüngstes Projekt während sechs Jahren rund dreissig Armeen dieser Welt besucht. Und dabei stets die gleichen Fragen gestellt: «Wie sieht der Feind aus? Wie und mit welchen Bildern werden Soldaten darauf konditioniert, zu zielen, zu treffen und zu töten?»

Karin Gimmi: Mit Milieustudien und Porträtserien sind Sie als Fotokünstlerin bekannt geworden. Und nun «Targets»: Zielscheiben, Schiessziele?
Herlinde Koelbl: Targets ist in der Tat ein aussergewöhnliches Thema. Vor rund dreissig Jahren – es war an einem frühen Morgen, als wir über einen gefrorenen Acker liefen – habe ich zum ersten Mal Schiessscheiben gesehen. Es waren Metallscheiben mit Löchern drin, durch die die Morgensonne schien. Die Szene hatte einerseits etwas Schönes, anderseits widerspiegelten sich darin Gewalt und Tod. Die Scheiben hatten also eine grosse Ambivalenz. Dieses Bild hat mich nicht mehr losgelassen. Ich wollte wissen, wie die Schiessziele aussehen, auf die Soldaten weltweit konditioniert werden.

Herlinde Koelbl, «Targets – Libanon», Frau mit Revolver.

Herlinde Koelbl, «Targets – Libanon», Frau mit Revolver.

Und, wie sieht der Feind aus?
In Amerika gibt es eine grüne Figur namens Iwan mit einem roten Stern am Helm. Damit haben die Soldaten noch bis vor einiger Zeit trainiert. Heute sind einige der Figuren orientalisch gekleidet.

Hat sich Ihr Konzept im Laufe der Arbeit verändert?
Auf einem grossen internationalen Schiessplatz habe ich gefragt: «Wo sind denn hier die Ziele, ich sehe keine?» Darauf wurde mir erklärt, dass die lebenden Soldaten die Ziele seien, da man mit Lasersystemen übe. Die Soldaten sind mit Sensoren ausgestattet, sodass direkt auf sie geschossen werden kann. Man lernt also, auf den Kameraden zu schiessen. Das desensibilisiert. Da habe ich mir gedacht: «Ja. Sie haben recht. Letztlich ist es immer der Mensch, es sind die Soldaten, die die Ziele und somit auch Opfer sind.»
Heute geht es im Wesentlichen um den asymmetrischen Krieg. Man hat keine genauen Linien mehr. Dadurch hat sich alles verändert, die Soldaten werden ganz anders trainiert, und zwar in sogenannten Häuserkampfanlagen. Sie werden trainiert, Häuser zu besetzen oder zu erobern, den Feind im Haus zu bekämpfen. Solche Häuserkampfanlagen schiessen wie Pilze aus dem Boden. Speziell in Amerika habe ich sehr viele gesehen.
Und es haben mich schliesslich nicht nur die eigentlichen Zielscheiben und die Fotografie interessiert. Es war mir wichtig, dass man auch hört und sieht, wie es tatsächlich ist, wenn um einen geschossen wird. Deshalb habe ich auch gefilmt. Und ich habe, wo immer möglich, mit Soldaten gesprochen. Es war mir wichtig, ihre Gedanken zu kennen. Es ist nämlich sehr speziell, wenn einem die Soldaten direkt sagen, wie es um sie steht, welche Erfahrungen sie wirklich gemacht haben.

Ihre Ausstellung regt unmittelbar zum Gespräch an.
Es ist ja ein Thema, über das eigentlich nicht gesprochen wird. Und es wäre sehr leicht gewesen, eine Hassgeschichte über das Militär zu machen. Aber das sollte es nicht werden. Es sollte die vielen Facetten aufzeigen, die negativen und auch die neutralen Seiten, damit eine Diskussion möglich wird. Mir war eine klare, sachliche Fotografie wichtig, damit das Projekt eine klare, sachliche Aussage hat.

Angesichts der vielen Kriege auf der Welt: Ist der Gedanke an Friede naiv?
Ich habe in praktisch allen Regionen der Welt ausser in Australien Armeen besucht, also einen tiefen Einblick bekommen. Ich habe ganz bewusst auch zwei Armeen mit ins Projekt genommen, die zurzeit «Terroristen» oder «Freiheitskämpfer» genannt werden. Es kommt immer darauf an, von welcher Seite aus man es sieht. Ob Sie in Amerika, Israel, arabischen Ländern oder Europa sind: Der Feind, der Böse ist immer der andere. Und jeder glaubt, dass er das Gute vertrete. Und somit auch das Recht habe, zu schiessen, zu töten. Und mir ist klar geworden: Hier in Europa nehmen wir den Frieden fast schon als selbstverständlich. Doch er ist es nicht. Und darüber sollten wir uns bewusst werden und alles dafür tun, dass dies so bleibt.

Herlinde Koelbl, 2014. Foto: © Johannes Rodach

Herlinde Koelbl, 2014. Foto: © Johannes Rodach

Herlinde Koelbl, geboren 1939, ist eine der herausragendsten deutschen Fotokünstlerinnen. Ihre bekanntesten Fotozyklen sind «Das deutsche Wohnzimmer», 1980, «Jüdische Portraits», 1989, «Spuren der Macht», 1999, und «Kleider machen Leute», 2012. Viele ihrer Werkzyklen drehen sich um grosse Themen wie Liebe, Glaube, den Körper oder die Macht.

Karin Gimmi (karin.gimmi@zhdk.ch), ist Kuratorin am Museum für Gestaltung und hat die Ausstellung «Targets» kuratiert. Nächstens nimmt sie wieder leichtere Kost aufs Korn.
«Targets – Fotografien von Herlinde Koelbl»
22. April bis 18. September 2016
Museum für Gestaltung – Schaudepot, Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Dienstag–Sonntag 10–17 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr
www.museum-gestaltung.ch
Dieses Interview gibt Auszüge aus einem Gespräch wieder, das als Film in der Ausstellung «Targets» zu sehen ist.