Interview mit den Filmemacherinnen Natalie Pfister und Eva Vitija

Natalie Pfister und Eva Vitija haben feinfühlige und persönliche Dokumentarfilme gedreht. Den preisgekrönten ZHdK-Filmen ist gemein, dass sie von Familientragödien in der gesamten Tiefe und Breite erzählen und die Grenzen des Dokumentarfilmschaffens mit künstlerischen Mitteln erweitern. Im Mai 2016 sprechen die beiden Filmemacherinnen im Toni-Areal über ihre Werke. JUDITH HUNGER hat ihnen vorab ein paar Fragen gestellt.

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Natalie Pfister

Natalie Pfisters «Familienbruchstück» gewann den Nachwuchspreis First Steps 2015 in der Kategorie Dokumentarfilm. Sie bedient sich einer speziellen Form des Reenactments. Schauspielerinnen und Schauspieler übernehmen die Rollen der realen Familienmitglieder. Dabei kommt manch Überraschendes ans Tageslicht.

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Eva Vitija

Eva Vitijas persönliches Familienporträt «Das Leben drehen» erhielt den Prix de Soleure der Solothurner Filmtage 2016. Aus einem eigentlich verhassten Geburtstagsgeschenk wird dann doch noch etwas mehr – ein berührendes Familienporträt: die Auseinander­setzung mit dem eigenen Vater, der sich öfter hinter als vor die Kamera stellt, und der lange Weg zu versöhnlichen Worten am Schluss des Films.

«Ich ging davon aus, dass man einer fremden Person offener zuhört als der Exfrau mit ihren teilweise altbekannten Worten und Gesten.» Natalie Pfister

Judith Hunger: Am 19./20. Mai findet die Tagung ZDOK.16 zum Thema «Do It Again – Reenactment im Dokumentarfilm» statt. Natalie, du bist eingeladen, weil du in deiner Master-Arbeit eine ganz spezielle Form des Reenactments zeigst. Wie bist du auf diese Form gekommen?
Natalie Pfister: Es war schwierig, eine Scheidungsfamilie zu finden, in der alle bereit waren, im Film mitzumachen. Deshalb habe ich nach längerer Suche beschlossen, weiteren Kandidatinnen und Kandidaten die Option vorzuschlagen, im Film anonym zu bleiben. Das bedingte aber, dass ich einen neuen Weg suchen musste, die Geschichte zu erzählen. Mir war es wichtig, die Geschichte differenziert zu erzählen, ich wollte nicht auf wichtige Aussagen verzichten, weil sie zu umständlich formuliert waren. Ich glaube aber, dass ich das hätte tun müssen, wenn ich Interviews klassisch dokumentarisch verwendet hätte. In diesem Prozess kam ich auf die Idee, die Scheidungsfamilie mit den Aussagen anderer beteiligter Familienmitglieder zu konfrontieren. Ich ging davon aus, dass man einer fremden Person offener zuhört als der Exfrau mit ihren teilweise altbekannten Worten und Gesten.

«Das Inszenieren des eigenen Lebens findet auf allen möglichen Plattformen statt und bestimmt unseren Alltag.» Eva Vitija

Eva, dein Film ist sehr persönlich. Hattest du manchmal Angst, die Geheimnisse deiner Familie offenzulegen?
Eva Vitija: Ich habe versucht, nicht daran zu denken. Ich hatte immer das Gefühl, das Thema sei hochaktuell: Heute durchdringt die Öffentlichkeit in Form der Neuen Medien und sozialer Netzwerke unser ganzes Privatleben. Das Inszenieren des eigenen Lebens findet auf allen möglichen Plattformen statt und bestimmt unseren Alltag. Ich finde es wichtig, dass wir uns dazu Fragen stellen. Zum Beispiel: Wie inszenieren wir uns privat in den Medien? Was hat das für Folgen für unser Selbstver­ständ­nis?

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Filmstill aus Natalie Pfisters «Familienbruchstück». Bild: Natalie Pfister © ZHdK

Was hat euch das Master-Studium an der ZHdK gebracht?
Natalie Pfister: Für mich war am wichtigsten, dass ich mein Form- und Stilbewusstsein weiterentwickeln konnte. Da habe ich viel dazugelernt.
Eva Vitija: Ich konnte dadurch den ersten Film als Regisseurin machen, sozusagen meine Regievisitenkarte. Und das in einem guten Rahmen. Vor allem muss ich die fachkundigen Mentorate nennen. Ich habe gelernt, wie wichtig es ist, seine Perspektive klar herauszuarbeiten. Einerseits filmisch, andererseits auch als Regisseurin im Arbeitsprozess nicht klein beizugeben, wenn man Gegenwind bekommt.

«Filme müssen etwas über unsere Gesellschaft erzählen. Und die besteht nun mal aus 50 Prozent Frauen.» Eva Vitija

War es ein Thema, als Frau Film zu studieren?
Natalie Pfister: Ich habe dem nicht viel Bedeutung zugemessen. Wohl auch deshalb, weil wir in der Vertiefung Dokumentarfilm mehr Frauen als Männer waren.
Eva Vitija: Mir ist es nur einmal aufgefallen, als ich in einem Technikseminar war. Während die Männer sich sofort auf die Technik gestürzt haben, um selber rumzupröbeln, haben die Frauen erst mal einen Mann gefragt, wie es gehe, weil sie sich das Ausprobieren nicht zugetraut haben. Ich finde das problematisch. Ich hätte es toll gefunden, wenn zusätzliche Technikseminare angeboten worden wären, vielleicht sogar nur für Frauen.

Bei der Förderung sind Frauen eindeutig im Hintertreffen, wie eine Studie von ARF/FDS, Focal und Cinésuisse zeigt. Wie schätzt ihr eure Situation in der Filmbranche ein?
Natalie Pfister: Die Ergebnisse der Studie haben mich überrascht, ich hätte nicht gedacht, dass sie derart zuungunsten der Frauen ausfallen würden. Sie sollten alle, die an den Schalthebeln sitzen, dazu anregen, über ihre eigene Haltung nachzudenken: Was trau ich einem Mann zu, was einer Frau, mach ich da wirklich keine Unterschiede? Und was bedeutet das im gesellschaftlichen Kontext?
Eva Vitija: Frauen arbeiten nicht nur schon von sich aus mit wesentlich kleineren Budgets, sondern sie werden tatsächlich auch benachteiligt bei der Vergabe von Fördermitteln. Ich denke, man sollte gezielt Massnahmen ergreifen, damit das nicht passiert. Für mich wären auch Förderquoten ein Thema, um der bestehenden Diskriminierung in der Filmförderung entgegenzuwirken. Filme müssen etwas über unsere Gesellschaft erzählen. Und die besteht nun mal aus 50 Prozent Frauen.

Dokumentarfilmtagung ZDOK.16: «Do It Again – Reenactment im Dokumentarfilm»
Donnerstag/Freitag, 19./20. Mai 2016
Toni-Areal und weitere Orte in Zürich
Anmeldung und Programm

Fokus Dok: «Ich-Erzählungen»
Eva Vitija, «Das Leben drehen»
Donnerstag, 12. Mai 2016, 19.15–21.30 Uhr
Toni-Areal, Kino Toni, Ebene 3, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Eintritt frei

Judith Hunger (judith.hunger@zhdk.ch) ist verantwortlich für die Kommunikation im Departement Darstellende Künste und Film. Wo Grenzen überschritten werden, wird es interessant, findet sie – ob in Dokumentarfilmen oder bei Passwanderungen in Ladakh und Graubünden.