Zur Schaustelle

VON NILS RÖLLER

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Ein Buch – was ist das eigentlich? Was geschieht, wenn ein «fremdes» Buch mit dem Interesse betrachtet wird, ein eigenes Buch herzustellen? Diese Fragen wurden in zwei Lehrveranstaltungen des Bachelors Design aufgenommen. Sie führten zu Objekten, die nun in der Schaustelle des Medien- und Informationszentrums (MIZ) im Toni-Areal zu sehen sind.

Die Schaustelle ist eine Vitrine, die derzeit von am Seminar beteiligten Studierenden und Dozent Nils Röller, organisatorisch unterstützt von Felix Falkner, stellvertretendem Leiter des MIZ, bespielt wird. Seit Januar 2016 werden Produktionen gezeigt, die das Objekt Buch und seine Schnittstellen zwischen Kunst, Gestaltung und Philosophie thematisieren. Zum Beispiel Jon Wirthners «Narrration», Mona Neubauers «Örtchen» und Nora Gailers «König Ödipus». Formal ist diesen drei Buchprojekten gemein, dass sie stets zwei Bücher zeigen. Ein Buch, das im Seminar «Welt als Buch» entstanden ist, und ein Buch, das die Herstellung motiviert hat – und zwar ein Buch aus den Beständen des MIZ.

Definitionen

Gearbeitet wurde mit der Buchdefinition der UNESCO. Laut dieser besteht ein Buch aus mindestens 49 Seiten. Zudem diskutierten die Studierenden zentrale Elemente eines Buches, die sie Hochuli und Kinross’ «Bücher machen: Praxis und Theorie» entnommen haben: Buchblock (das eigentliche Buch), Schmutztitel (Relikt aus der Zeit, als Bücher ohne Einbände verschickt wurden), Haupttitel, Rückseite des Haupttitels, Widmung, Inhaltsverzeichnis, Anmerkungen, Bibliografie, Register, Einband mit Buchrücken, Umschlag.

Diese Elemente wurden in Büchern gesucht, die in den Regalen zu Typografie, Schrift und Gestaltung (U 30–U 32) des MIZ zu finden sind. Danach wählten die Teilnehmenden ein Buch aus, mit dem sie sich für eine Woche beschäftigen wollten. Beschäftigen bedeutete dabei, dass sie ein bestehendes Buch als Schubkraft oder als Widersacher im Prozess, selbst ein Buch herzustellen, verstanden. Die Herstellung wurde dabei zur Methode, eine individuelle Auseinandersetzung mit bestehenden Büchern zu fördern. Aus der Produktion resultierten ein praktische Know-how und ein davon nicht zu trennendes Wissen über den Inhalt eines Buches.

«Das Narrenschiff»

In die Zeit des Umbruchs zum Buchdruck begab sich Jon Wirthner. Er beschäftigte sich mit dem «Narrenschiff» von Sebastian Brant (1494). Brant war Jurist, Dichter und Staatsmann, der die Hochtechnologie seiner Zeit – den Buchdruck – dazu verwendete, die Mauer zwischen Leserinnen und Leseunkundigen niederzureissen. Er schrieb Bücher, die er mit zahlreichen Bildern ausstatten liess. Diese Bilder sollten seine Aussagen auch für Analphabetinnen und Analphabeten übersetzen. «Das Narrenschiff» stellt die Laster und Torheiten von Menschen und Berufen in Text und Bild dar, mit dem Ziel, zu belehren und zu nützen. Die Holzschnitte für die Bilder fertigte Albrecht Dürer an.

Jon Wirthner sah sich zunächst im MIZ eine Ausgabe des «Narrenschiffs» an. Er schreibt dazu: «Unter all den Design- und Kunstbüchern schien es mir eines der wenigen, die nicht schön, ansprechend und freigeistig waren, sondern rau … Überfordernd, doch reizend.»

Die «Narrration»

Jon Wirthners Auseinandersetzung mit dem «Narrenschiff» führte ihn in die Zentralbibliothek Zürich, in den Buchhandel und ins Netz. In der Dokumentation ist zu lesen, wie daraus die «Narrration» geworden ist. Jon schreibt sie ausdrücklich mit drei r und löst damit beim Leser des Titels listig einen Effekt aus. rrr beunruhigt, denn erst bei mehrmaligem Hinsehen wird deutlich, dass es drei r sind, nicht zwei. Das dritte r lässt sich als Beschleunigung der Narrheit, als Nach-«Eifern» verstehen. Jon schreibt: «Diese Arbeit setzt sich mit der Bedeutung des Buches in Zeiten des Internets und damit verbundener Informationsflut auseinander. Im Überfluss der Information und Geschwindigkeit verlieren wir die narrative Struktur, Beständigkeit und Fassbarkeit, welche Büchern ihren Inhalt geben. Dies verbildlicht die ‹Narrration› mit einem [in ihr] enthaltenen Mechanismus – einer Maschine – welche dem Leser einst geordnete Information in fragmentiertem Chaos und hoher Geschwindigkeit entgegenschleudert. Das Buch macht sich unlesbar und hält jeden, der es [zu lesen] versucht, zum Narren.»

In der Hand

Erzählt das Papier eine Geschichte, auch wenn es nicht mit Schriftzeichen oder Bildern bedruckt ist? Bei Betrachtung des Büchleins «Örtchen» von Mona Neubauer werden auf Papier gedruckte Muster sichtbar, die sich für gewöhnlich nicht an das Auge richten, sondern an die Hand, die nach dem Papier greift und seine Struktur meist blitzschnell erfasst und beurteilt. In «Örtchen» sind Toilettenpapiere, die Mona in Toiletten gesammelt und zu einem Buch gebunden hat, verarbeitet worden. Charmant dokumentieren die Papiere Bewegungen zwischen gewissen Orten und fügen sich zu Mitteilungen für diejenigen, die sie zu fühlen verstehen. In der Dokumentation kann nachgelesen werden, wo die Örtchen genau zu finden sind.

Text im Text

Nora Gailer entwickelt in einem bestehenden Text einen neuen, anderen Inhalt – sie verwendet dafür die Reclam-Ausgabe des «König Ödipus» von Sophokles. Sophokles’ Text wird von Nora in seinen typografischen Kontrasten entschärft. Hervorgehoben werden ausgewählte Buchstabenkombinationen, die Personalpronomen bilden: Ich, Du. Er. Sie treten so gehäuft auf, sprechen die Lesenden eindringlich an. Typografische Mittel zeigen so ihre rhetorische Kompetenz. In Noras Arbeit werden sie zu einem konkreten Drama zwischen den ersten drei Personen unserer Grammatik.

Lesen?

Die Prognosen in Bezug auf das Leseverhalten der Zukunft sind pessimistisch, was die Aufmerksamkeit der Leserinnen und Leser betrifft, wie so oft, wenn Ältere über Jüngere urteilen, die über andere Techniken verfügen. Wohltuend ist demgegenüber Michael Hagners Plädoyer für das Buch als stabilen Träger von Gedrucktem auf Papier. In «Zur Sache des Buches» unterscheidet der Wissenschaftshistoriker verschiedene Techniken des Lesens, wobei zwei die Nutzung von digitalen Mitteln und Mischformen betreffen. Hagner hält fest, dass die Forderung nach aufmerksamem Lesen schon lange vor dem Auftauchen von Suchmaschinen und digitalen Medien erhoben wurde. Was ist der Vorteil des auf Papier gedruckten Buches?

Zwischen Hand und Auge

Bücher aus Papier wenden sich an das Auge, aber auch an die Hand, die ein Buch hält und darin blättert. Das Spektrum, das sich zwischen Hand und Auge aufspannt, wird durch das Buch von Dominic Neuwirth erfahrbar. Er hat ein Buch im Buch hergestellt. Der Buchblock des ersten Buches besteht aus unbeschriebenen Seiten. Sie bilden den Rahmen für ein kleineres Buch, das mit nicht lesbaren Buchstaben geschrieben ist. Die Buchstaben des kleineren Buches sind in ihren unterschiedlichen Formen und Häufungen erkennbar, nur können wir sie nicht entziffern. Das Buch verlangt nach einer Dechiffriermaschine oder fordert ein Gespräch. Es kann mit der Frage beginnen, was Dominic Neuwirth dort eigentlich geschrieben hat, oder auch damit, wie er die Buchstaben so klar und zugleich unleserlich gesetzt hat. Eine weitere Frage könnte die Abbildungen in seinem Buch betreffen. Thematisieren sie Vorstellungen vom menschlichen Geist oder stellen sie die Materie dar, aus der das Gehirn besteht?

Speicher?

Das Lesen und Schreiben mit dem Ziel, Informationen zu speichern, steht bei der Frage, was ein Buch sei, gewöhnlich im Vordergrund. In der Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Gestaltern rückt die Materialität von Büchern in den Vordergrund, die Haptik und Optik, die jedes Buch mit sich bringt. Klar: Das Buch lässt sich schlicht als Speicher von Texten sowie von Bildern und Zahlen begreifen. Eine andere Speichermöglichkeit des Buches erkundete Zahra Latifi. Sie konservierte ein Organ aus dem Schlachthof Zürich nach einer Methode aus dem alten Ägypten. Im Buchblock aus geklebtem Plexiglas schwebt eine fächerförmige Struktur, die an einen Strauss welkender Blumen oder farbiger Blätter denken lässt. Wird das Buch bewegt, beginnt sich auch der Fächer, verzögert durch die Viskosität des im Buchblock enthaltenen Honigs, zu bewegen.

Feld

Die Schaustelle im MIZ kann als Statement zur Tendenz verstanden werden, Bücher aus Bibliotheken zu entfernen. Jüngst stellte sich der Leiter der ETH-Bibliothek Rafael Ball in der «NZZ am Sonntag» hinter eine solche Forderung. Welche Position nimmt die ZHdK in dieser Frage ein? Die Bücher in der Schaustelle sind als Argument für die materiellen Dimensionen des Buches zu verstehen. Sie bilden Pole eines Spannungsfeldes zwischen Hand und Auge, zwischen materiellen und geistigen Kulturen. Die Spannungsfelder bergen ein mächtiges Potenzial. Es kann schöpferisch die Sicht auf Zukunft und Vergangenheit verändern.

Prof. Dr. Nils Röller ist Koleiter der Vertiefung Mediale Künste im Bachelor Kunst & Medien, Departement Kunst & Medien. Seit 2006 ist er Herausgeber des Journals für Kunst, Sex und Mathematik (gemeinsam mit Barbara Ellmerer und Yves Netzhammer).
In der Schaustelle werden Produktionen aus dem Seminar «Die Welt als Buch» des Bachelors Design (Dozent: Nils Röller) und des Projekts «Hören, Sehen, Tun – How to change the world and myself» des Bachelors Kunst & Medien (Dozierende: Annemarie Bucher, Andres Bosshard, Nils Röller) gezeigt.
Die Buchdefinition der UNESCO findet sich unter www.unesco.org. Der Artikel «Buch» in der 21. Auflage des «Brockhaus» verweist auf diese Definition. Jost Hochulis und Robin Kinross’ «Bücher machen: Praxis und Theorie» (St. Gallen: VGS Verlagsgemeinschaft, 1996), S. 86 ff., gibt Auskunft über die Buchelemente. Michael Hagner argumentiert in «Zur Sache des Buches» (Göttingen: Wallstein, 2015), S. 246, vom Buch als materiell stabilem Träger, der besonders gefügt ist.