Von der Quantelung des Klangs

Zuhören. Nachhaken. Reflektieren. Herzlich lachen: im Kompositionsunterricht bei Isabel Mundry. Eine Momentaufnahme von DANIELA HUSER.

Zum Urknall schwarzfahren

Ein Königreich für eine Tarnkappe! Was man alles anstellen könnte damit … Eine Nacht allein im Museum Rietberg verbringen. Das Doppelspaltexperiment austricksen. Oder einem Schöpfungsakt beiwohnen, ganz unbemerkt. Dem Wunsch folgend, begibt sich die Schreibende in einen der zahlreichen Räume des Toni-Areals, in dem in intimem Rahmen an der Schöpfung eines neuen Werks gearbeitet wird.

Dem Rauschen lauschen

Draussen ein Lichthof mit Einblick in die Räume gegenüber. Wo einer Geige spielt, als ginge es um sein Leben. Im Raum: eine Tafel, ein Klavier. Und ein Tisch, bedeckt mit Notenblättern. Noch ganz jung ist die Komposition, die da liegt. Herangewachsen zu einem Stück, soll das jetzt noch namenlose Werk von Master-Student Micha Seidenberg im Dezember uraufgeführt werden – eingebettet in die Lange Nacht der Interpretation zeitgenössischer Musik, welche die Kompositionsklassen der ZHdK mit ihren Stücken an verschiedensten Orten im «Toni» gestalten.

Micha erläutert Dozentin Isabel Mundry, wo er steht in seiner Arbeit; die Mitte des bereits Notierten macht ihm zu schaffen. Mundry hört zu. Fragt nach. Kreist ein. Bis sie herausschält, was ihren Studenten beschäftigt. «Der Anfang eines Stückes ist fast nie beliebig – der erste Gedanke, die hingeworfene Idee, das erzeugt Evidenz. Und hier will das Stück weitergehen, weiss aber nicht, woher es seine nächsten Impulse nehmen, wie es sich wach halten soll.» Micha nickt.

Gravitationsfeldern entkommen

Der Anfang sei stimmig für ihn, meint Micha. «Ich hatte ja ein Klangkonzept, diesen Vokalklang als Leitthema …» Hier aber drifte es dann auseinander. Rat suchte er bei von ihm geschätzten grossen Werken, er ringt um Proportionen, verfolgt mal diesen, mal jenen methodischen Pfad und hält Ausschau nach Wegen aus der Gefahrenzone der Beliebigkeit.

Bis wohin er bereit sei zurückzugehen und umzuschreiben, fragt Mundry Micha, der den Anfang behalten möchte, so viel ist klar. Da wähle er, sagt Mundry, wohl den schwierigsten Weg, wenn er im laufenden Stück die Kategorie seines Schreibens ändern wolle. «Denk dir ein wildes Gelände, auf dem du einen Garten planst; nicht alles herausrupfen, sondern irgendwo anfangen, das Wilde in eine Form zu bringen. Wie gehst du vor?» – «Ich schaue mir den Garten von oben an …, fokussiere auf die formbildenden Elemente und schaffe dann Platz.» Gesagt, getan – man steht auf und betrachtet das Ganze von oben. Ist sich einig, wo man bislang verloren ging, wo gestaltet und gerupft werden soll.

Planeten erkunden

Über der allseits bekannten Musikschrift in Schwarz mit seiltanzenden oder zu Akkorden gestapelten Noten liegt eine andere, bildhaft grafische Version. Deren Farben und Formen, Muster und Strukturen veranschaulichen, was dasteht, und helfen beim Nachdenken über formalästhetische Aspekte. Pfade werden nun angelegt im Versuch, die vermaledeiten Beliebigkeiten im Gestrüpp der Noten freizulegen. Das Duo Mundry-Micha verfolgt Figuren auf- und abwärts, mäandriert um wichtige Noten, die verrauscht sind, «weil so die musikalischen Gesten besser gefallen», wie Micha erklärt – und begibt sich schliesslich an die Tafel.

Eine Karte anlegen

«Du hast da eine Idee …» – Mundry beginnt zu notieren – «… da sind Dinge, die sind harmonisch …» – neue Elemente werden hinzugefügt – «… als Aggregatszustände gedacht …» – da braut sich was zusammen an der Tafel – «… und hier kannst du überlegen, ob du jetzt anfängst, den Rhythmus dieser Ereignisse zu skizzieren …» – toc, toc, toc tanzt der Stift zum Finale, als Micha ein Licht aufgeht: «Ein Rhythmus der Gesten, nicht der Figur – das ist super!»

Im Geiste erfrischt, geht es weiter an der Tafel. «Hierüber extra nachdenken … das hier scharf stellen … dann ist schon mal etwas fertig von deiner Musik. Wenig agieren, dann kannst du auch hier was retten … und hier wird der Rhythmus jetzt auch Architektur … Du kannst ihn nun aber mit der gleichen Haltung schreiben wie den schlüssigen vom Anfang, kannst also sozusagen deine eigene Handschrift zur Architektur machen.»

Zu Heisenberg reisen

Die beiden streifen weiter durch den Garten, der im Werden möglich ist, zunehmend Gestalt erahnen lässt. Kriterien mögen noch gesetzt, Richtungswechsel vorgenommen werden, Figuren könnten neu kreiert und Tempi unabhängig gedacht werden. Die Harmonik aber lässt die beiden nochmals innehalten. «Sie scheint dir zu wenige Töne zur Verfügung zu stellen», so Mundry. Rat holt man sich bei Meister Bach, dessen Dissonanzen die Harmonik in der Wirkung gar bestätigen. «Denk dir Unschärferegeln, nein, besser noch Unschärfeerlaubnisse aus – auch der Garten wird reicher, wenn um die Rosen etwas Unkraut wächst.» Tautologisch werde es, wo alles vertikal akkordisch geregelt sei und die Figuren bestätigten, was sie ermöglichen sollten.

Die Zeit weiterdenken

Noch einmal stecken die beiden die Köpfe zusammen. Hören zu, haken nach, reflektieren, wie Micha weiterfahren soll. Er sinniert: «Hier könnte die dritte grosse Entwicklung beginnen … und hier muss sie abschliessen, sich anders herausformen. Oder ich mache so weiter, mit einer anderen Harmonik. Es steht doch schon enorm viel da, das sind aber erst ganz wenige Minuten …»

Im «Toni» landen

«Klickklick» meint die Kamera der Fotografin dazu und holt mich zurück ins «Toni». So verlasse ich das Raumschiff mit Mundry und Micha und freue mich auf die nächste Reise.

Daniela Huser (daniela.huser@zhdk.ch) ist Kommunikationsbeauftragte Departement Musik.
Dieser Beitrag erschien erstmals in Zett 2–15.