Kirchenmusik reloaded

Organistin Mayu Okishio. Kirchenmusik lebt! Sie wird studiert – wie hier in den Vertiefungen Chorleitung und Orgel. Foto: Regula Bearth © ZHdK

Organistin Mayu Okishio. Kirchenmusik lebt! Sie wird studiert – wie hier in den Vertiefungen Chorleitung und Orgel. Foto: Regula Bearth © ZHdK

Was verbindet Berlioz’ «Symphonie fantastique», Mussorgskis «Nacht auf dem kahlen Berge» und die Filmmusik zu Stanley Kubricks «Shining»? – BEAT SCHÄFER denkt über die Bedeutung der Kirchenmusik in unserer Musikkultur nach.

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Die Zahl der Kirchenmitglieder nimmt weitherum ab, vom Priester oder Pfarrer lässt man sich nicht mehr sagen, was geglaubt werden soll. Aufgeklärtes Gedankengut stellt nicht nur die Kirche als Organisation in Frage, sondern auch Pries­tertum, Pfarrerprivilegien, ethische Integrität des Klerus bis hin zum Christsein als Ganzes. Sind Kirchenmusik und deren Studium angesichts des Geschichtsverlaufs nicht überholt?

Kirchenmusik hat eine lange Tradition, die sich immer wieder erneuert hat und dies auch weiterhin tut. Heute erfreut sich Kirchenmusik wieder grösserer Popularität: Viele Menschen sind noch immer überzeugt, dass es etwas gibt, das höher ist als menschliche Vernunft. Sie suchen nach Antworten auf die Wunder des Lebens, der Liebe, auf die Frage, was es mit dem Tod auf sich hat. Anregung, Unterstützung und Trost finden sie unter anderem in der christlichen Musik.

Musik als Brücke zu Spiritualität

Kirchenmusik gehörte lange ausschliesslich zum Gottesdienst. Heute sind Karfreitagskonzerte mit einer Bach-Passion besser besucht als der Gottesdienst selbst, obwohl im Gottesdienst dieselben Texte meist zeitgemässer ausgelegt werden, als sie Bach durch Musik und Dichtung interpretiert hat. Offensichtlich wird das Spirituelle gesucht.

Die biblische Botschaft wird als Bereicherung wahrgenommen (oft gar in altertümlicher Sprache und antiquierter Theologie) und von den Zuhörenden in Bezug zur eigenen Realität gesetzt. Doch Kirchenmusik will nicht nur Wellness für die Seele sein. Sie ist immer auch Verkündigung, Gebet, Klage, Lob, Predigt, Zuspruch und «Zumutung».

Nebst Fürstenhöfen und Königshäusern war die Kirche über Jahrhunderte einer der wichtigsten Arbeitgeber für Musiker. So erstaunt nicht, dass fast ausnahmslos alle namhaften Komponisten bis ins 19. Jahrhundert Kirchenmusik geschrieben haben. Nicht selten findet man kirchenmusikalische Themen auch in weltlichen Kompositionen, so zum Beispiel das gregorianische «Dies irae»-Motiv in der «Symphonie fantastique» von Berlioz, in Mussorgskis «Nacht auf dem kahlen Berge» und in der Filmmusik zu Stanley Kubricks «Shining».

Musik und Ritual – ein jahrtausendealtes Paar

Doch kehren wir zurück zu den Anfängen der Musik, um ihre Bedeutung für die spätere Kirchenmusik zu erkennen. Musik und Ritual gehören zu den ältesten künstlerischen Bezugspaaren: Schon vor Tausenden von Jahren kündeten signalhafte Rufe – vokal, getrommelt oder auf Blasinstrumenten gespielt – die Ankunft von Menschen, Herden oder Gefahr an. Sie sind früheste Vorformen späterer kirchlicher Anrufungen und Antwortgesänge. Schlaflieder sowie Beschwörungs- und Bittfloskeln zeugen von der musikalischen Gestaltung eines Rituals.

Schon lange bevor es christliche Kirchen gab, wurden Feiern und Zeremonien abgehalten, in deren Rahmen Musik und Riten untrennbar zusammengehörten. Da die Singstimme das immer schon vorhandene Instrument der Menschen war, erstaunt es nicht, dass auch das gesprochene Wort und gesungene Texte bis heute einen festen Platz bei kirchlichen Riten und Ritualen einnehmen.

Sprache intensiviert musikalische Inhalte

Musik und das gesprochene Wort können sich aufs Beste gegenseitig ergänzen und intensivieren durch Weiterführungen, Überhöhung eines Inhalts oder spannungsgeladene Widersprüchlichkeit. Sie sind ebenfalls ein «interdisziplinäres» Paar, dessen sich gegenseitig verstärkende Wirkung schon früh erkannt wurde («Bis orat qui cantat»/«Doppelt betet, wer singt», Augustinus, 4. Jahrhundert).

Insbesondere im beginnenden 16. Jahrhundert wurde die Beziehung von Musik und Sprache grundlegend neu hinterfragt und ein Musikstil geprägt, der von der antiken Rhetorik abgeleitet war und bis in unsere Tage das Komponieren mancher Musikerinnen und Musiker prägt.

… zum Klingen gebracht, und sie bietet Raum zum gemeinsamen beglückenden Musikerlebnis, hier im Orgelsaal im Toni-Areal. Fotos: Regula Bearth

… zum Klingen gebracht, und sie bietet Raum zum gemeinsamen beglückenden Musikerlebnis, hier im Orgelsaal im Toni-Areal. Fotos: Regula Bearth

Musik im Sakralraum gehört für viele Menschen zu den Grunderfahrungen erlebter Spiritualität. Musik, das Zusammenwirken von Klang und Zeit im Kirchenraum, kann Menschen auf besondere Weise berühren, kann unermesslich ausdrucksstark sein, sodass die Musik nicht selten als spirituelle Erfahrung wahrgenommen wird. Dabei sei dahingestellt, ob diese Erfahrung als Manifestation des «Unerklärlichen» oder als konkretes Wirken des «christlichen Heiligen Geistes» gedeutet wird.

Musik – die «Schwester» der Theologie

Die Auseinandersetzung mit dem Göttlichen kann letztlich immer nur zeichenhaft, bruchstückhaft und andeutend geschehen. Dieses Göttliche entzieht sich einer strengen Logik und erfährt seine Bestätigung nur durch den Glauben und die Erfahrungen des Einzelnen. Das Göttliche wird negiert durch die Vernunft, den Verstand oder das Ausbleiben entsprechender (Glaubens)erfahrungen. Ähnlich lässt sich die berührende Wirkung gelungenen Musizierens auch nur bruchstückhaft erklären. Auch das beglückende oder aufwühlende Erleben des «heiligen Moments» beim Musizieren, des Kreierens oder «Wiederschöpfens» in einem Konzert entzieht sich konkreter Beschreibung und logischer Begründung. Für manche sind sie künstlerisch hervorgerufene Gotteserfahrungen.

Selbst religiöse Menschen können oft nicht auseinanderhalten, ob sie die Bibel oder eine andere heilige Schrift näher zur Erfahrung des Göttlichen bringt und die Musik dies verstärkt – oder umgekehrt die Musik sie diese Erfahrung machen lässt und sie in den Schriften eine mentale Auseinandersetzung und Verankerung des Erfahrenen finden. Es ist kein Zufall, dass Luther die Musik als «Schwester der Theologie» bezeichnet. Wie es auch bei weltlichen Geschwistern vorkommen kann, hat die Theologie jedoch nicht selten ihre «Schwester» als Konkurrenz empfunden und versucht, sie auf eine bloss zudienende Rolle zu reduzieren.

All diese Entsprechungen können wir teilweise auch in sogenannt weltlicher oder absoluter Musik finden. Fallen diese Eigenschaften jedoch zusammen, sprechen wir von Kirchenmusik.

Ein Aspekt sei hier noch besonders hervorgehoben: So, wie die Tradition der östlich-orthodoxen christlichen Kirchen im Kirchenraum auf Instrumente verzichtet, hat sich in den westlich geprägten die Orgel als besonderes Instrument der Kirche etabliert. Durch die Säkularisierung wird die Orgel leider oft nur noch als «kirchliche Folklore» wahrgenommen, die zum Beispiel bei einer Hochzeit nicht fehlen darf, damit das akustische Kolorit stimmt.

Von der Gregorianik zur Avantgarde

Kirchenmusik – gerade in unseren ZHdK-Ausbildungen – ist weit mehr als nur klassische liturgische Erbauungsmusik: Kirchenmusikerinnen und -musiker verstehen das Musizieren heute auch als Medium des Gemeindeaufbaus. Sie müssen ein Verständnis für Populärmusik, Jugend- und Altersarbeit, Gregorianik, Oratorium und Avantgarde, den Umgang mit der Orgel und der Stimme und die Arbeit mit einer Band oder einem Orchester haben oder ein einfaches Arrangement schreiben können, um den meist hohen Ansprüchen gerecht zu werden. Kirchenmusikerin oder -musiker zu sein ist wohl einer der vielfältigsten Musikberufe überhaupt!

Beat Schäfer (beat.schaefer@zhdk.ch) ist Leiter des Profils Kirchenmusik im Departement Musik.
Dieser Beitrag erschien erstmals in Zett 3–15.