Das Museum für Gestaltung zeigt ab Februar 2016 die erste Retrospektive über Jasper ­Morrison. Der international renommierte Designer hat ein neues Designverständnis geprägt: Die Form tritt in den Hintergrund und macht Platz für Atmosphäre, Normalität und Dauerhaftigkeit.

VON CHRISTIAN BRÄNDLE

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Die Kingsland Road liegt im Osten Londons in einer eher heruntergekommenen Gegend. Zwar hat sich der Stadtteil ­Shoreditch in den vergangenen Jahren einen Namen als Hotspot für die Kreativindustrie gemacht, doch die meisten Fassaden sind abweisend und rau, East End eben. Hier lebt und arbeitet Jasper Morrison.

Hinter dem Eingang der Hausnummer 24b liegt ein dunkler Gang, der in einen winzigen Patio mündet. Man glaubt sich beinahe in Japan: helle Backsteinwände, geschliffener Betonboden, endlich etwas Grün. Nach wenigen Metern erreicht man das Atelierhaus von Jasper Morrison, in dem er auch seinen legendären kleinen Shop eingerichtet hat.

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Jasper Morrison, Op-La Table; Alessi, 1998. Foto: Stefan Kirchner

Die Falle der schönen Form

Der Engländer Jasper Morrison, geboren 1959, ist ein weltweit respektierter und gefeierter Designer, der neben seinem Büro in London auch Büros in Paris und Tokio führt. Einen Namen hat er sich insbesondere deshalb

«Objects should make good atmosphere.»*

gemacht, weil er mehr eine Entwurfshaltung als eine Form vertritt. Ganz generell hält Morrison die physische Erscheinung der Dinge für völlig überbewertet. Entsprechend kritisiert er ein Design, welches auf Effekt baut und geschaffen wurde, um Aufsehen zu erregen: Quadratische Teller in der Haute Cuisine, bunte Bücherregale von Memphis oder dreibeinige Zitronenpressen, die vor allem sich selber genügen, sind Extrembeispiele, die Jasper Morrison schon während seines Designstudiums am Kingston Polytechnic und am Royal College of Art irritierten. Zu viele Designerinnen und Designer tappen nach Morrisons Ansicht noch heute in die Falle, dem Aussehen der Dinge grösste Beachtung zu schenken.

«Too much importance is ­attached to the physical appearance of an object.»

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Jasper Morrison, Botan Bench; Maruni, Japan. Foto: Yoneo Kawabe/Maruni

Entsprechend beginnt Morrison bereits in den 1980er-Jahren, also mitten in der Postmoderne, an einem neuen Designverständnis zu forschen: Die Prädominanz der Form tritt in den Hintergrund, Werte wie Produktions- und Materialgerechtigkeit, historischer Bezug und vor allem der Beitrag zur Atmosphäre eines Raums werden zu den relevanten Grössen in Morrisons Arbeit.

2007 veröffentlicht Morrison zusammen mit Naoto Fukasawa das programmatische Büchlein «Supernormal – Sensations of the Ordinary». Die Publikation und die dazugehörige kleine Ausstellung sind ein Plädoyer für eine Gestaltung jenseits von Pathos, Klimbim, überzogenem Formwille oder programmatischer Askese. Das Projekt vereint eher diskrete und oftmals anonym gestaltete Objekte, welche auch eine langjährige Nutzung überstehen. Unaufgeregte Gebrauchsgegenstände, deren

«If I see a beautiful old wine glass, in my eyes it’s a heroic object.»

Absenz man als echten Verlust empfinden würde. Dazu gehören der Sparschäler Rex, das BIC-Feuerzeug, die achteckige Bialetti-Espressomaschine oder die Büroklammer.

Funktionalität im Vordergrund

Viele verstehen Design als einen Prozess, in dem eine Gestalterin oder ein Gestalter allein die Form für ein Ding entwirft, das anschliessend mit dem technischen Wissen der Industrie in Produktion geht. Aber meist ist es nicht ganz so einfach. Gute Lösungen entstehen mehrheitlich unerwartet. Oft ist es die Beschäftigung mit einem Archetyp, beispielsweise einem Weinglas oder einem Klappstuhl, die Morrison als Ausgangslage für seine Arbeit wählt: Er geht der Funktionalität auf den Grund und findet Wege, wie historische und oft gerade deswegen überzeugende Lösungen in die Massenproduktion überführt werden können. In mehreren Publikationen (alle bei Lars Müller Publishers erschienen) beschreibt der ansonsten zurückhaltende und eher wortkarge Morrison die Entwicklungsgeschichten hinter seinen Entwürfen.

Jasper Morrison, Drinking Glass Family; Alessi. Foto: Alessandro Milani

«We designers are all guilty of promoting our own cause […], the author’s ego.»

Dieselbe Beschreibungskultur ist auch Basis der ersten Retrospektive über Jasper Morrison, die das Museum für Gestaltung bis zum 5. Juni 2016 präsentiert. Neben seinen wegweisenden Entwürfen für Firmen wie Alias, Cappellini, Muji oder Vitra wird er in den Sammlungen des Museums Objekte auswählen und erläutern, welcher Aspekt ihn am jeweiligen Ding fasziniert. Die Sammlungsarchive des Museum für Gestaltung, so Morrison, gehören mit zu den Besten überhaupt. Und wer weiss: Vielleicht entdeckt Jasper Morrison auch einige zeitgenössische Produkte, die er schon bald in seinem Shop an der Kingsland Road anbieten wird.

* Alle Zitate im Text stammen von Jasper Morrison.

Christian Brändle (christian.braendle@zhdk.ch) ist Direktor des Museum für Gestaltung und Kurator der Ausstellung «Jasper Morrison – Thingness».
«Jasper Morrison – Thingness»
12. Februar bis 5. Juni 2016
Museum für Gestaltung – Schaudepot Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich
Dienstag–Sonntag 10–17 Uhr, Mittwoch 10–20 Uhr
www.museum-gestaltung.ch
Dieser Beitrag erschien erstmals in Zett 3–15.